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Sex sells – aber nicht auf ewig
Der amerikanische T-Shirt-Gigant American Apparel steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Dov Charney, der schillernde Gründer, scheint zum Klumpfuss für das Unternehmen zu werden.
American Apparel ist eines jener Label, das bevorzugt von Menschen getragen wird, die H&M doof finden. Sie mögen es individueller und haben zudem ein Gewissen. Darum kaufen sie bei American Apparel ein, das ist chic und cool und politisch total korrekt, denn das Label wirbt mit dem Zusatz «Sweatshop free», was heisst, dass die Näherinnen vergleichsweise anständige Löhne bezahlt bekommen und in Fabriken arbeiten, in denen es Tageslicht gibt und auch mal eine Pause. American Apparel war gut, irgendwie öko, aber gleichzeitig eben auch sexy, vor allem wegen der sehr eindeutigen Werbekampagnen. Der sich hip und urban fühlende Mensch war also hingerissen, American Apparel von Anfang an ein Erfolgsgeschichte. Bis jetzt.
Die Firma befindet sich in massiven finanziellen Schwierigkeiten. American Apparel beschäftigt heute 10 000 Mitarbeiter und betreibt 282 Läden in 20 Ländern, zwei davon in Zürich. Und bis vor kurzem hegte man ambitionierte Expansionspläne: In den nächsten Jahren sollten es 600 Filialen auf der ganzen Welt sein, China und Südamerika wollten erobert werden, und Gründer Dov Charney schwebten neue Geschäftsmodelle vor, spezielle Filialen für Männer, für Bademode, Boutiquen an Flughäfen, kleinere Kioske. Die Firma nahm dafür einen Kredit auf und dann kam die Wirtschaftskrise.
Vorreiter einer Bewegung
Doch im Gegensatz zu Konkurrenten wie H&M und Zara erholte sich American Apparel nicht davon: Die Umsätze sanken und sanken. Als letzte Woche bekannt gegeben wurde, dass die Schulden nicht auf den vereinbarten Termin vom 30. Juni zurückbezahlt werden können, stürzten die Aktien um 40 Prozent ab. Sollte American Apparel das Geld tatsächlich nicht auftreiben können, dann steht es der Investmentfirma Lion Capital als Gläubigerin gemäss dem Branchenblatt «Women’s Wear Daily» frei, American Apparel zu übernehmen oder aber die Firma in Konkurs gehen zu lassen.
Charney sagte dazu noch im April, dass einst auch niemand an Amazon geglaubt habe, und diese Antwort passt zu ihm. Denn die Geschichte von American Apparel ist in erster Linie die Geschichte von Dov Charney, dem flamboyanten Kanadier, der das Unternehmen vor 12 Jahren gegründet hat. Charney spürte vor allen anderen, dass es da nämlich ein Bedürfnis nach bezahlbarer, aber fair hergestellter Mode gab. Charney war mit seiner Idee der Vorreiter einer Bewegung, die ein paar Jahre später die ganze Modeindustrie erfasste.
Plötzlich sprach man von Nachhaltigkeit und von Bio-Baumwolle. Charney liess seine T-Shirts nicht in einem Billiglohnland produzieren wie in der Branche üblich, sondern in Los Angeles; seine Angestellten, so hiess es, bekämen gratis Computer- und Englischkurse und seien krankenversichert. Und Charney war clever genug, diese GutmenschenAttitüde mit der nötigen Prise SexAppeal zu würzen: Die Werbesujets fotografierte er gleich selbst, und die zeigten hauptsächlich blutjunge Frauen in knappen Shorts und Kniesocken, natürlich trugen sie nie einen BH. Da spielte einer mit dem Lolita-Effekt, und die Rechnung ging, klar, auf.
Onanieren beim Interview
Aber wo Charney ist, ist der Sex nie weit, es dampft quasi immer ein bisschen um ihn herum. Er sieht nicht nur aus wie ein Pornostar der Siebzigerjahre, er verhält sich auch so. Seine weiblichen Angestellten nennt er «Sluts» (Schlampen) oder «Whores» (Huren), und darauf angesprochen, pflegt er zu antworten: «Manche von uns mögen Schlampen.» Sitzungen hält er schon mal in Unterhosen ab, und das kann durchaus auch ein Stringtanga sein.
Legendär ist das Interview mit einer Journalistin eines grossen amerikanischen Modemagazins, währenddessen er seine Hose aufknöpfte, «Darf ich?», fragte und zu masturbieren begann. Zudem soll er in ihrer Anwesenheit weibliche Angestellte zum Oralsex aufgefordert haben. Es gab denn auch in der Vergangenheit mehrere Klagen wegen sexueller Belästigung, zu einem Schuldspruch ist es indes nie gekommen.
Ein Sex-Maniac?
Es überrascht also nicht, wenn er nur schöne Menschen einstellt. Als letzte Woche ruchbar wurde, dass Bewerber für einen Verkaufsjob bei American Apparel eine Art Casting durchlaufen und ein Ganzkörperfoto von sich machen lassen müssen, sorgte das für empörte Schlagzeilen. Auf Internetforen beklagen sich ehemalige Angestellte bitterlich, sie seien entlassen worden, weil sie nicht dem Geschmack des Chefs entsprochen hätten. Das geforderte Anforderungsprofil mag nun nicht ganz politisch korrekt sein, aber das war Charney ohnehin nie. Er ist mitnichten der Menschenfreund, als der er gefeiert wurde, die «Times» fragte jedenfalls schon 2008: «Ist der Mann ein Sex-Maniac? Oder leidet er unter einem unerkannten Tourette-Syndrom?»
Der Dokumentarfilm «No Sweat» von Amie Williams, soeben auf DVD erschienen, wirft ebenfalls ein schlechtes Licht auf den Chef. Jahrelang begleitete die Filmemacherin die Fabrikarbeiter, und da sieht man nicht nur einen cholerischen Firmenbesitzer, sondern auch, dass es mit dessen barmherzigen Haltung nicht weit her ist: Charney ist ein entschiedener Gegner von Gewerkschaften und droht, die Fabrik zu schliessen, sollten sich die Arbeitnehmer organisieren. Die Gewerkschaft Unite Here behauptet gar, Charney habe seine Mitarbeiter hinsichtlich einer Mitgliedschaft ausspionieren lassen. Im Film ist eine «spontane» Antigewerkschafts-Demonstration auf dem Gelände zu sehen, und es ist anzunehmen, dass sie von Charney organisiert worden ist.
Razzia bei Charney
So sehr American Apparel von seinem schillernden Gründer profitiert hat, so sehr scheint er jetzt zum Klumpfuss zu werden. Mit der Kampagne «Legalize LA» protestierte Charney letztes Jahr gegen die Verschärfung der Einwanderungsgesetze. Das war wohl nicht ganz uneigennützig: Als die Polizei kurz darauf eine Razzia in seiner Fabrik durchführte, wurden 1500 Mitarbeiter ( jeder dritte) verhaftet weil sie sich illegal in den USA aufhielten.
Quelle: Tagesanzeiger





















