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Im Rheintal statt im «sauberen Ländle» ins Bordell

Das faktische Prostitutionsverbot in Vorarlberg führt zur Häufung von Etablissements in St. Gallen

Hier kommt es vermutlich zur «Anbahnung» mit Prostituierten: in der Table-Dance-Bar «No 1» in Bregenz. (Bild: Karin Hofer/NZZ)

Hier kommt es vermutlich zur «Anbahnung» mit Prostituierten: in der Table-Dance-Bar «No 1» in Bregenz. (Bild: Karin Hofer/NZZ)

In Vorarlberg existiert kein einziges legales Bordell, weil keine Gemeinde eines bewilligt hat. Zuhälter, Prostituierte und Freier, welche sich nicht in die Illegalität begeben wollen, weichen ins grenznahe Rheintal aus.

«Das liegt an der Moral. Die Vorarlberger wollen ihr sauberes Ländle», antwortet die aus Bregenz stammende, aber im St. Galler Rheintal tätige Zuhälterin Cornelia Sallmayer auf die Frage, weshalb sich das faktische Prostitutionsverbot im westlichsten Bundesland Österreichs so wacker halte. In Vorarlberg ist gemäss Sittenpolizeigesetz die Ausübung der Prostitution nur in Bordellen, die über eine Bewilligung verfügen, gestattet. Diese Bewilligung «gewerbsmässiger Unzucht» erteilt der Gemeindevorstand, wie Peter Marte, Leiter der Landespressestelle Vorarlberg, erklärt. Und hier liegt das Problem: Grundsätzlich sind SPÖ, Grüne und FPÖ für legale Bordelle. Doch kaum ein Bürgermeister kann sich in seinem Dorf kontrollierte Prostitution vorstellen. Und wenn er es könnte, brauchte er immer noch die Mehrheit des Vorstands.

Freier schätzen das Rheintal
Weil man in Vorarlberg keine Chance hat, ein legales Bordell zu eröffnen, ist Cornelia Sallmayer in die Schweiz ausgewichen, nach Sennwald im Rheintal. Hier geht es pragmatischer zu und her in Sachen «ältestes Gewerbe». Statt Sexarbeit zu tabuisieren, wird offen darüber geredet. Das schätzt Sallmayer. «Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert sehr gut, solange man sich an die Regeln hält.» Freier aus Vorarlberg schätzten das Rheintal ebenso, da man hier erst eine Bar besuchen könne und es nicht sofort so intim werde wie in den Privatwohnungen der illegalen Bordelle in Vorarlberg, so Sallmeyer.

Doch dies ist nicht der einzige Grund. Wie Stefan Schlosser, stellvertretender Abteilungsleiter des Landespolizeikommandos Vorarlberg, ausführt, überqueren auch jene Freier die Schweizer Grenze, die sich nicht in den Bereich der Illegalität begeben wollen. Allerdings würden Freier in Vorarlberg gemäss Sittenpolizeigesetz nicht bestraft, wenn sie Dienstleistungen einer illegalen Prostituierten in Anspruch nähmen, so Schlosser. In der Schweiz ist das ähnlich. «Höchstens wegen Anstiftung zur Verwaltungsübertretung», mutmasst er. Etwas ungerecht sei das schon, fügt er an.

In der Grenzregion auf Schweizer Seite ist die Zahl der einschlägigen Vergnügungslokale wegen der Nachfrage von Vorarlbergern höher als anderswo. Laut Hans Peter Eugster, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, hat das faktische Prostitutionsverbot in Vorarlberg «tatsächlich eine gewisse Massierung von Salons, Etablissements und Bordellen im St. Galler Rheintal zur Folge». Die Bordelle seien gleichmässig verteilt zwischen den Ortschaften Au und Altstätten. Zudem seien vielfach österreichische Frauen als Grenzgängerinnen in diesen Betrieben angestellt, so Eugster.

Verschwiegene Realität
Schätzungsweise 30 Prostituierte aus Vorarlberg sind im Kanton St. Gallen tätig. Die Sexarbeiterinnen schätzten die Schweiz als Arbeitsort aufgrund der Bedingungen. Dies bestätigt auch Susanne Gresser, Sozialarbeiterin bei der kantonalen Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe Maria Magdalena in St. Gallen. Solche Beratungsstellen existieren in Vorarlberg kaum. Man erhält den Eindruck, Prostitution gebe es in Vorarlberg nicht, zumindest aus offizieller Sicht nicht. Mit dem faktischen Verbot, das 1976 eingeführt worden war, glaubte man, das katholische Bundesland von «gewerbsmässiger Unzucht» reinhalten zu können. In den 1970er Jahren war Vorarlberg mit Zuhälterkämpfen konfrontiert, der Strassenstrich war sehr verbreitet. Ergebnis war das restriktive Gesetz. Die Prostitution gab es in Vorarlberg natürlich weiterhin, nur wurde sie in den Untergrund gedrängt. So existieren im Ländle schätzungsweise 70 bis 100 illegale Bordelle in Privatwohnungen, daneben etwa 23 offizielle Table-Dance-Lokale, in denen die Anbahnung für sexuelle Dienstleistungen erfolgt, was Stefan Schlosser bestätigt. Die Kontaktaufnahme geschieht zudem, wie Sallmayer und Schlosser übereinstimmend sagen, via Zeitungsinserate und Internet. – Die Illegalität hat unschöne Folgen für die Frauen. Wenn die Sexarbeiterinnen Opfer von Gewalt würden oder gar Verletzungen davontrügen, trauten sie sich nicht, die Polizei, die Gewaltschutzstelle oder einen Arzt aufzusuchen, so Gresser. Denn die Sexarbeiterinnen begehen durch das Anbieten ihrer Dienstleistung selber eine Verwaltungsübertretung und könnten mit einer Strafe von bis zu 2000 Euro oder einem bis zu sechs Wochen dauernden Arrest belegt werden. Seien es Bürgermeister, Sprecher vom Landeskriminalamt oder Sozialarbeiter, niemand will sich am offensichtlich heiklen Thema die Finger verbrennen. Es kommt höchstens in der Kultur zur Sprache, etwa im Bregenzer Theaterstück «Liebesdienste» oder im dazugehörigen Podium zum Thema «Sexarbeit – verschwiegene Realität in Vorarlberg» im Frühling 2010. Die Diskussion fand ironischerweise im «Freudenhaus» statt – einem Kulturprojekt.

Ruft man bei der einzigen auf Prostituierte ausgerichteten Anlaufstelle «Nana» in Bregenz an, die zur Suchtberatungsstelle gehört, sind die Angesprochenen nicht auskunftsfreudig. Eine Kontaktaufnahme bei der Gewaltschutzstelle Vorarlberg zeigt: Die Sprecherin kann sich nicht erinnern, dass sich bezüglich Übergriffen jemals eine Prostituierte gemeldet habe. Stefan Schlosser kennt beim Landeskriminalamt ebenfalls keinen solchen Fall. Er räumt allerdings ein, dass das Strafrecht im Vordergrund stünde, falls eine Sexarbeiterin Gewalt erfahren habe. Dann würde man die Frau als Opfer behandeln. Schlosser betont, dass man bei der Polizei «sicher keine Prostituierten jage», sondern den Fokus der Ermittlungen auf Zuhälterei und Menschenhandel lege. In diesem Bereich arbeite man auch mit den Schweizer Behörden zusammen. Fazit: Das Vorarlberger Gesetz ist restriktiv, die Polizei geht aber liberal mit der Materie um.

Legalisierung gefordert
Die Diskussion um eine Gesetzesänderung hat durch den jüngsten Fall von Menschenhandel wieder Auftrieb erhalten. Nach Angaben Schlossers wurden im Frühling zwei illegale Bordelle in Dornbirner Privatwohnungen ausgehoben. Zwei österreichische Zuhälterinnen mit Migrationshintergrund hatten dort 30 bis 40 Frauen aus Rumänien und Bulgarien beschäftigt. Nun fordern die Grünen die Legalisierung von Sexarbeit. Sie haben Ende Juni beim Landtag einen Antrag gestellt, das aus dem Jahr 1976 stammende Gesetz zu ändern. Sie fordern, Sexualdienstleistungen zu legalisieren, sozialen Schutz für Sexarbeiterinnen und die Bekämpfung des Frauenhandels. Katharina Wiesflecker, Abgeordnete der Vorarlberger Grünen, erachtet es als problematisch, «dass die Beteiligten illegal und völlig ungeschützt in Privatwohnungen arbeiten. Kein Mensch weiss, unter welchen Bedingungen sie dies tun müssen, ob Gewalt im Spiel ist oder ob unter den illegalen Prostituierten Minderjährige sind.» Für die Bevölkerung sei das Thema tabu – auch das solle sich künftig ändern, so Wiesflecker.

Landesrat Erich Schwärzler (ÖVP) ist skeptisch beim Punkt, dass nicht wie bis anhin die Gemeinden, sondern das Land für die Genehmigung von Bordellen zuständig sein soll. Der Tageszeitung «Standard» sagte er: «Das gehört auf die Gemeindeebene, weil die Gemeinden damit leben müssen.» Wiesflecker kann sich allerdings nach ersten Gesprächen vorstellen, dass die ÖVP bereit ist, das Gesetz zu ändern. Auch Susanne Gresser ist optimistisch bezüglich der Enttabuisierung von Sexarbeit in Vorarlberg. Einige zuständige Stellen hätten bereits schüchtern die Fühler nach St. Gallen ausgestreckt zwecks Zusammenarbeit.

Quelle: nzz.ch

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