Archiv für November 2010
Barcelona: Käuflicher Sex auf offener Strasse
BARCELONA / KATALONIEN / SPANIEN: Schamloses Treiben mitten in den historischen Gassen des schönen Barcelona: Immer mehr Touristen suchen bei Prostituierten den schnellen Sex in aller Öffentlichkeit. Anwohner und Händler sind entsetzt und fordern ein hartes Durchgreifen der Ordnungshüter. Ort des Geschehens sind die Gassen rund um die historischen Markthallen “La Boqueria” mitten in der Altstadt Barcelonas. Dort wo Händler tagsüber Obst, Gemüse und Fleisch verkaufen, bieten Prostituierte nach Einbruch der Dämmerung ihre ganz speziellen Dienste an. Meist sind es junge, drogenabhängige Afrikanerinnen oder Transvestiten aus Südamerika, die Touristen für ein paar Euro ihre Körper feil bieten.
Anwohner und Händler sind entsetzt und verärgert über dieses allnächtliche Treiben in ihrem Viertel. So veröffentlichte die große, spanische Tageszeitung “El País” nun einige schockierende Bilder von Freiern in Aktion. Darauf zu sehen: Junge, dunkelhäutige Freudenmädchen, die Männer mit runtergelassenen Hosen oral befriedigen und sich diesen in Mitten der Säulen der Markthalle hingeben.
“Es ist so beschämend, die Mädchen machen schlicht alles, kaum verdeckt von den Säulen und Warentransportern”, entsetzt sich eine Käsehändlerin ge-genüber “El País”. Morgens müsse sie erst einmal die benutzten Kondome vor ihrem Stand wegräumen. “Manchmal muss ich mich abwenden weil es mich graust”, berichtet ein Sicherheitsangestellter, der Teile des Viertels mit Videokameras überwacht, gegenüber der Zeitung. Diese “schmutzigen, entwürdi- genden Bilder” seien ein Beweis für das Versagen der städtischen Anti-Prostitutionsmaßnahmen, urteilt “El País”.
Das Problem ist länger bekannt: Das Viertel bietet keine einschlägigen Etablissements mit entsprechenden Räum- lichkeiten. Obwohl ihnen hohe Strafen drohen, sind die Prostituierten deshalb gezwungen, ihre Dienste auf offener Straße anzubieten. Die sexhungri- gen Touristen stören sich nicht daran, schließlich locken die Mädchen mit Schleuder- preisen.
Da sich das Viertel nicht rund um die Uhr überwachen lässt, ist die Polizei trotz verstärkter Patrouillen machtlos. Es bleibt abzuwarten, ob die Behörden das wilde Treiben in den Gassen Barcelonas mit verschärften Maßnahmen in den Griff bekommen werden.
Quelle: arena-info.de
Yamina (15), die Geschichte eines Wegwerfmädchens
Frischfleisch für Freier: 70 Männer pro Woche hätte Yamina, eine Zwangsprostituierte, bedienen müssen. Ihr Fall zeigt die Hilflosigkeit der Behörden.
An einem Spätsommertag fasst Yamina den Mut, der Hölle zu entkommen. Sie zieht Jeans und ein T-Shirt über ihre billigen Dessous und verlässt den schummrigen kleinen Kellerraum, in dem sie seit etlichen Wochen lebt. Ganz selbstverständlich geht sie den schmalen Gang entlang, vorbei am Empfang. Die breitschultrigen Männer dort beachten sie nicht. Wo sollte die zierliche Nigerianerin schon hingehen. Yamina erreicht die Eingangstür, daran hängt ein Schild: “Weiblichen Personen unter 18 Jahren ist der Eintritt verboten”. Yamina ist 15. Sie drückt die Klinke und tritt ins Freie.
Das Mädchen weiß nicht, in welcher Stadt sie ist, noch nicht mal, in welchem Land. Sie weiß nur, sie ist draußen. Hinter ihr liegt der “Erotic Tempel Crazy Sexy” mit seinen leuchtend lila Herzen an der Hauswand – jenes Bordell, an dem Freier für 30 Euro mit ihr gemacht haben, was sie wollten. Ringsherum eine Ansammlung von Baumärkten, Möbelhäusern und Parkplätzen.
Yamina schaut zu, wie die Autos von der Straße abbiegen und vor dem Eroscenter halten. Es ist Mittagszeit, da kommen die Männer. Viele sind jenseits der 50, gehen nach dem Besuch im Baumarkt noch ins Bordell. Yamina spürt ihr Herz pochen. Wohin soll sie gehen? Vor nicht einmal zwei Monaten ist sie den Slums von Lagos entkommen. Sie kann nicht lesen und nicht schreiben. Sie kennt niemanden in diesem Land, außer ihre Zuhälterin, die sie “Madame” nennt. Yamina verlässt der Mut. Sie dreht sich um und kehrt zurück in die Hölle.
Dies ist die Geschichte eines Mädchens, das nie eine Chance hatte. Das einmal glaubte, doch endlich eine zu bekommen, und seine Heimat Nigeria verließ, um in Europa sein Glück zu finden. Es ist die Geschichte Tausender schutzloser Frauen, die wie Ware gehandelt, misshandelt, ausgebeutet, deren Leben zerstört werden – mitten in Deutschland. Mädchen wie Yamina, die aus Nigeria, Rumänien, Thailand oder Albanien in die reichen Länder Europas gelockt werden mit dem Versprechen, sie könnten hier als Kosmetikerin, Putzfrau oder als Model arbeiten. Stattdessen landen sie auf dem Straßenstrich in Palermo, Lyon oder Madrid. Oder in einem Bordell in der deutschen Provinz.
Die Ignoranz gegenüber dem Phänomen Versklavung
Es ist eine Geschichte, die auch von der Unfähigkeit moderner Staaten wie Deutschland erzählt, Opfern gerecht zu werden und Täter hart anzupacken. Von Gesetzen, die längst hätten geschrieben werden müssen. Von Gerichten, die Schuldige laufen lassen, und Behörden, die dem Phänomen Menschenhandel voller Ignoranz begegnen. Aber auch von Polizisten, Jugendamts- und Heimmitarbeitern, die hingebungsvoll zu retten versuchen, was oft nicht mehr zu retten ist.
Der Handel mit Frauen, Mädchen und manchmal auch Jungs zur sexuellen Ausbeutung blüht wie nie zuvor. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der 80er-Jahre ist die Zahl der Sexsklavinnen ständig gestiegen. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission werden inzwischen Jahr für Jahr 120.000 Mädchen und Frauen aus aller Welt nach Westeuropa verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Die Internationale Arbeitsorganisation rechnet vor, dass der Menschenhandel jedes Jahr weltweit fast 32 Milliarden US-Dollar Gewinn abwirft. 28 Milliarden davon werden mit sexueller Ausbeutung verdient, der Rest mit der Ausbeutung der Arbeitskraft. Neben dem Drogen- und dem Waffenhandel gilt die Versklavung mittlerweile als das lukrativste Geschäft der organisierten Kriminalität.
Fehlende Möglichkeiten für einen Ausstieg
Ein Gesetz, das die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2001 beschloss, hat die Situation in Deutschland kaum verbessert (Den Bericht zu den Auswirkungen des Gesetzes finden Sie hier). Im Oktober 2001 verabschiedete sie mit den Stimmen von FDP und PDS das Gesetz “zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten”. Die Parlamentarier meinten es gut. Sie wollten Prostituierten den Zugang zur Sozialversicherung und den Ausstieg aus dem Milieu erleichtern und die Kriminalität in der Szene eindämmen. Frauen sollten ihren Lohn von Freiern einklagen können und ihre Arbeit in Verträgen regeln. Seit 2001 ist Sex gegen Geld keine “gewerbsmäßige Unzucht” mehr, sondern eine “sexuelle Dienstleistung”. So der Plan.
Längst weiß man, dass das Gesetz nicht den Frauen geholfen hat, sondern den Zuhältern. Es hat den Menschenhandel erleichtert, weil es die Vermittler von schnellem Sex legalisiert, es sei denn, ein Zuhälter zwingt Frauen zur Prostitution. Doch so etwas ist kaum nachzuweisen. Schon vor drei Jahren offenbarte eine Studie des Bundesfamilienministeriums, dass die Reform keine der Erwartungen erfüllt hat. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen, CDU, legte einen Sechs-Punkte-Katalog vor, um “den Schutz von Prostituierten wirksam zu verbessern”. Geschehen ist seither so gut wie nichts.
Ebenfalls nicht praxistauglich ist ein Gesetz, mit dem 2005 die Strafvorschriften für Menschenhandel verschärft wurden. Es schützt die Opfer nur unzureichend. Die Betroffenen müssen fürchten, im Eilverfahren ausgewiesen zu werden, wenn sie der Polizei nicht sagen, wer ihre Peiniger sind. Das hat inzwischen auch die EU-Kommission erkannt: “In viel zu wenigen Fällen gibt es für die Opfer Gerechtigkeit”, sagt Cecilia Malmström, die als Kommissarin für Inneres in der EU zuständig ist für das Thema Zwangsprostitution.
Die Europäische Kommission will es nun genau wissen (Den Originaltext zum Beschluss des EU-Rates finden Sie hier). Sie fördert ein Projekt, das den Umfang des internationalen Menschenhandels ermitteln soll. Seit Anfang 2010 sitzen zwei Forscher der Universität Göttingen daran. Doch die Arbeit ist schwierig. Jedes Land definiert Menschenhandel anders, offizielle Daten lassen sich nur sehr schwer vergleichen. Vor allem aber spielt sich das Geschäft mit erzwungenem Sex in hochkriminellen Strukturen ab. Es hat eine perfekte Tarnung: Der Menschenhandel kommt im Gewand der legalen Prostitution daher – in gewöhnlichen Bordellen mit Frauen, die sich aus Angst vor der Gewalt ihrer Zuhälter und auch der Abschiebung in die Heimat fast nie der Polizei offenbaren.
Yamina ist eine Ausnahme.
Einige Wochen nach ihrem Fluchtversuch machte die Polizei im Eroscenter an der Mevissenstraße in Krefeld eine Razzia. Sie fanden Yamina, nahmen sie mit auf die Wache und übergaben das Mädchen an Menschen, die sich seiner annahmen. Gut zwei Jahre später, an einem Novembernachmittag, sitzt im Besprechungszimmer eines Mädchenheims eine schlanke Nigerianerin mit dunkler Haut, die ihre Hände in einen Schlüsselbund krallt.
Yamina, 17 Jahre alt, trägt braune Turnschuhe, Jeans, ein graues T-Shirt und goldene Kreolen, die viel zu groß sind für ihr schmales Gesicht. Im Heim gilt sie als fröhlich, als Mensch mit einnehmendem Lächeln, der neugierig fragt und genau zuhört.
“Sie hat eine außergewöhnliche Auffassungsgabe”, sagt eine ihrer Betreuerinnen. Als Yamina im Sommer vor zwei Jahren nach Deutschland kam, konnte sie nur ein paar Brocken Englisch und kaum lesen und schreiben. Inzwischen hat sie so gut Deutsch gelernt, dass sie den Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,7 geschafft hat. Jetzt ist sie auf dem Weg zur mittleren Reife, liest moderne deutsche Lyrik. Darauf ist Yamina stolz, darüber redet sie gern. Wenn das Gespräch aber auf die Zeit im Bordell kommt, dann spricht sie nur noch zögerlich. Oder gar nicht mehr. Und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Mit Sex Schulden abarbeiten – das war das Druckmittel
Nur wenige Menschen dürfen bis heute wissen, wo Yamina lebt. Sie muss immer noch fürchten, dass die Menschenhändler sie wieder auf den Strich schicken. Denn Yamina hat nicht erwirtschaftet, was ihre Zuhälterin von ihr verlangt hatte: 52.000 Euro sollte das Mädchen abarbeiten, nachdem sie es nach Deutschland hatte schleusen lassen, dazu 3500 Euro für einen falschen Pass, Reiz- und Bettwäsche, die sie Yamina noch auf dem Weg ins Bordell in einem Supermarkt kaufte.
Plus 130 Euro Tagesmiete für das Zimmer im Eroscenter. Wenn die Zuhälterin einmal in der Woche in das Bordell kam, um Yamina das Geld abzunehmen, was noch übrig war, musste das Mädchen auch die 50 Euro für deren Anfahrt bezahlen.
Um all diese Ansprüche zu erfüllen, hätte Yamina rund 2000 Euro in der Woche verdienen müssen. Bei 30 Euro pro Freier, was in Etablissements wie dem Eroscenter dem Durchschnittswert entspricht, hätte sie jede Woche fast 70 Männer abfertigen müssen. Macht 70-mal Geschlechts-, Oral-, Analverkehr und unzählige Demütigungen. Vier bis fünf Jahre hätte es gedauert, bis Yamina abgezahlt hätte, was ihre Zuhälterin “Schulden” nennt.
“Die ersten Worte, die ich auf Deutsch gelernt habe, waren ‘Komm her’ und ‘Wie viel?’”, sagt Yamina, und senkt die Augen. Bis heute brenne in ihrem Zimmer auch nachts ein schwaches Licht, sagt sie. Weil sie aus Albträumen hochschreckt. Selten kommen darin das Eroscenter und die Männer vor. “Ich träume von der Madame, dass sie mich holen kommt und von mir Geld will.”
Es reicht ein kurzer Abriss von Yaminas Leben, um zu verstehen, warum sie so empfänglich für das Versprechen auf bessere Zeiten in Europa war. Sie wurde in Lagos geboren, Nigerias größter Stadt, ihre Eltern hat sie nie richtig kennengelernt. Ihr Vater hatte zwei Frauen, die sich ständig stritten. Schon bald musste die leibliche Mutter die Familie verlassen. Wenig später starb der Vater. Die Stiefmutter nutzte Yamina aus, schickte sie nicht in die Schule, sondern auf den Markt, um dort Bananen zu verkaufen. Wenn Yamina sich weigerte, gab es Schläge. Eines Tages brachte die Stiefmutter das Kind zu einem Priester in einem nahe gelegenen Dorf. Er erzählte von einer Schwester, die in Europa lebe und dort eine Verkäuferin in ihrem Kosmetikgeschäft suche. Yamina durfte mit der Frau telefonieren, jener Frau, die sich später als ihre Zuhälterin herausstellen würde: die Madame, wie es in Nigeria heißt.
Das erste Treffen mit der Zuhälterin
Ein Mann, der sie einige Wochen später zum Flughafen in Lagos brachte, drückte ihr einen falschen Pass in die Hand, in dem ein anderer Name stand und ein anderes Alter. Yamina war plötzlich 22. Außerdem steckte er ihr 1250 Euro in die Tasche, damit sie sich glaubhaft als Touristin ausgeben konnte, sollte sie von den Grenzbeamten in Paris kontrolliert werden. Yamina war für einen Moment misstrauisch, dachte aber nicht lange darüber nach. Nach der Landung in Paris erwartete sie ein Schlepper, der ihr das Geld und den Reisepass wieder abnahm. Yamina wurde nach Brüssel gefahren, wo sie zum ersten Mal ihre Zuhälterin traf.
“Sie war sehr nett zu mir, wie eine große Schwester”, erinnert sie sich.
Der Menschenhandel in Nigeria ist in Frauenhand. Meist sind es ehemalige Opfer, die sich irgendwann freikaufen und den Nachschub für den europäischen Markt organisieren. Sie nutzen die alten Kontakte. “Das Netzwerk der Frauenhändler ist nicht hierarchisch gegliedert wie etwa die Mafia, es gibt keine klaren Befehlsstrukturen”, schreiben die österreichischen Politikwissenschaftlerinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn in ihrem 2008 veröffentlichten Buch “Ware Frau”.
Die Knotenpunkte dieser Struktur seien die Madames. Demnach schließen sich zehn oder 15 Frauen zusammen und sparen gemeinsam an, bis sie das Geld haben, ein Mädchen nach Europa zu bringen. “Osusu” nenne sich diese Form des nigerianischen Investmentsparens. Die Schleuser sind nur Dienstleister, die mehr oder weniger gut bezahlt werden. Das ist die afrikanische Art des Menschenhandels.
Die meisten Mädchen kommen aus dem Osten
Meist allerdings kommen die Frauen aus Osteuropa, aus Ungarn, Bulgarien, Tschechien, Rumänien. Denn die Menschenhändlerbanden brauchen keine aufwendige Beschaffungslogistik und keine gefälschten Papiere, die Frauen kommen legal über die Grenze. Das macht den Markt auch für Händler aus Deutschland so attraktiv.
Alina aus Bukarest ist eine schwarzhaarige Frau mit hübschem, etwas magerem Gesicht, sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf einem Bauernhof. Zu einem Treffen ist sie nur unter der Bedingung bereit, dass es in einer Wohnung irgendwo im Westen von Bukarest stattfindet. Das kleine Appartement hat kein Namensschild an der Tür, es gehört einer rumänischen Nichtregierungsorganisation, die Alina seit ihrer Rückkehr nach Rumänien betreut. Wer hier Zuflucht findet, soll unauffindbar sein für die, die sie gequält und ausgebeutet haben. Sogar der Name der Organisation muss geheim bleiben.
Vor dem Haus aus schmutzigem Beton riecht es nach Urin und Müll, in den Hinterhöfen der Nachbarhäuser liegen alte Cognacflaschen und Plastiktüten voller Abfall. Trotzdem ist es hier für Alina schöner als alles, was sie in Deutschland gesehen hat. Sie sitzt auf einem abgewetzten Sofa, erzählt ihre Geschichte und zieht ihren Mantel vor der Brust zusammen, als könne er sie vor den Erinnerungen beschützen. Alina war 26, als sie einen Anruf einer Freundin aus Deutschland bekam.
Sie könne zu ihr in eine Kleinstadt in der Nähe von Hamburg kommen und als Kellnerin arbeiten. Die junge Frau träumte davon, sich ein kleines Haus leisten zu können. Ein Jahr, dann hätte sie genügend Geld verdient und würde nach Rumänien zurückkehren. Im Autobus kam sie nach Deutschland, ganz problemlos. Schon nach einer Woche stellte sich heraus, dass der Barbesitzer ein Zuhälter ist. Er ist Koreaner, sein Komplize ein russischer Barmann. Sie schlugen Alina und ihre Freundin, die sie nach Deutschland gerufen hatte, zusammen und sperrten sie ein. Noch in derselben Nacht kamen Freier aufs Zimmer. Einer nach dem anderen. Deutsche, Türken, Italiener, sie durften zehn Minuten lang mit ihnen machen, was sie wollten, Beißen und Schlagen inklusive. Einzige Regel: Kondom benutzen. “Der Besitzer wollte gesunde Ware”, sagt Alina. “Es war einfach nur eine Qual.”
Eine Razzia und ihre Folgen
Alina und ihre Freundin konnten noch in der Nacht fliehen. Sie sprangen aus dem Fenster im ersten Stock und rannten im Pyjama in einen nahe gelegenen Wald. Sie versteckten sich in einem Erdloch. Irgendwann in der Nacht fühlten sie sich sicher genug herauszukommen. Sie klingelten beim ersten Haus, zu dem sie kamen. Ein Mann öffnete, er rief die Polizei. Alina kam ins Frauenhaus, ihre Freundin ins Krankenhaus. Nachdem beide später bei der Polizei ausgesagt hatten, reisten sie nach Rumänien zurück, die internationalen Hilfsorganisation IOM bezahlte die Fahrt. Was aus den Tätern geworden ist, weiß Alina nicht. Sie und ihre Freundin wurden nie wieder nach Deutschland bestellt, um die Aussage vor Gericht zu wiederholen.
Im Präsidium der rumänischen Polizei in Bukarest, einem repräsentativen Bau mitten in der Hauptstadt, will man schon nicht mehr hören, dass der Handel mit Frauen auch deshalb blüht, weil das Land ein Eldorado für Kriminelle ist, wie es immer heißt. Der Chef der Abteilung zur Bekämpfung des Menschenhandels, Spiru Barbuceanu, sieht das ganz anders. Wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, das Problem habe sich erledigt. “Im ersten Halbjahr 2010 haben die rumänischen Behörden 24 Opfer in Deutschland identifiziert”, sagt er. “Der Trend ist rückläufig. Damit sind wir sehr zufrieden.”
Diese Daten sind mehr als fraglich. Die EU-Kommission etwa kommt zum Schluss, dass gerade Länder wie Bulgarien und Rumänien immer noch viel zu wenig gegen den Menschenhandel tun. “Die dortigen Behörden müssen besser darin werden, die entsprechenden Netzwerke zu zerschlagen”, sagt Innenkommissarin Malmström. Weil sie so ineffektiv arbeiten, tauchen immer mehr rumänische Frauen in den Datensätzen deutscher Polizeidienststellen auf. Alleine die Münchner Polizei gibt an, dass in diesem Jahr die Zahl der rumänischen Prostituierten in der Stadt über 50 Prozent größer ist als noch 2009.
Allerdings stehen die Münchner Beamten vor dem gleichen Problem wie die Kollegen in Hamburg, Frankfurt, Köln oder Berlin. Ihre Erhebungen sagen bisher nichts darüber aus, wer freiwillig anschafft und wer unter Zwang. Sie wissen nur, dass die Dunkelziffer hoch ist, vermutlich sehr hoch. Dafür sprechen einige Kennzahlen und Beobachtungen aus der Praxis.
Mangelhafte Strafverfolgung
So wurden 2008 bundesweit nur 173 Täter wegen “Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution” verurteilt. Im selben Jahr wurden aber 648 Menschen des Mordes oder Totschlags überführt, obwohl es in Deutschland offensichtlich weitaus weniger Morde gibt als Menschenhandelsdelikte. In einem vertraulichen Bericht vom Februar dieses Jahres gibt sogar die Bund-Länder-Projektgruppe des Bundeskriminalamts zu, dass die offiziellen Fall- und Verfahrenszahlen “wenig über das tatsächliche Ausmaß dieses Deliktes” aussagen. Der Grund: “Betroffene sind weder anzeige- noch aussagebereit.” Das alles deckt sich mit den Erfahrungen von Frauen wie Angelika Wöhrle.
Wöhrle ist Sozialarbeiterin, eine zierliche Frau mit einem unverwüstlichen Gemüt. Seit drei Jahren arbeitet sie für die Caritas in Essen, sie ist zuständig für die Beratungsstelle “Nachtfalter”. Oft ist sie auf den Straßenstrichen in Essen und der Umgebung unterwegs, manchmal allein. Es kommt vor, dass auch sie von Freiern angesprochen wird. “80 Prozent der Prostituierten in Deutschland kommen aus Rumänien und Bulgarien”, schätzt Wöhrle. “Und viele davon sind von Menschenhandel betroffen.” Gäbe es in Deutschland tatsächlich nur 173 Straftaten im Jahr, 173 Menschenhändler und ebenso viele Opfer, dann würde ihr Verein fast jedes zweite dieser Opfer betreuen. Frauen, die wie Alina nach Deutschland, Italien oder Frankreich kamen, weil sie glaubten, als Au-pair oder als Bardame ein besseres Leben beginnen zu können.
Die Falle, in die Yamina tappte
Auch Yamina dachte, sie würde in Europa als Verkäuferin arbeiten. Bis sie mit ihrer Zuhälterin in Düsseldorf einkaufen ging. Wie selbstverständlich legte die Frau dem Mädchen Reizwäsche in den Einkaufskorb. Als Yamina einwandte, dass sie die Slips und Büstenhalter nicht brauchte, war von der “großen Schwester” nichts mehr zu spüren: “Sie war sehr böse und hat mich noch im Geschäft gefragt, ob ich mir nicht denken könne, wofür ich hier sei?”
Yamina hält inne, wenn sie sich daran erinnert. Was sie nun noch preisgibt, wird von einem lauten, nervösen Klackern des Schlüsselbundes zwischen ihren Fingern übertönt. Sie ist kaum noch zu verstehen, als sie erzählt, wie die Zuhälterin sie in das Eroscenter in der Mevissenstraße nach Krefeld brachte.
Dort lernte ein schwarzes Mädchen Yamina an, wie sie sich schminken und was sie sagen soll. Und dass sie drei Finger heben müsse, um vom Freier die 30 Euro abzukassieren. Yamina aber weigerte sich. Tagelang konnte sie die 130 Euro Miete fürs Zimmer nicht bezahlen, es gab Ärger. Die Türsteher wollten “keine Geschichten hören”, sagt sie. “Sie kommen jeden Abend, halten die Hand auf und sagen: ‘Gib Geld’.” Fünf Tage lang verdiente die Nigerianerin viel zu wenig, dann hatten es die Aufseher satt. Die Zuhälterin musste ihr Opfer abholen.
Die Rache der Zuhälter
Und sie rächte sich. Tagsüber wurde Yamina in den Kofferraum eines Kombis eingesperrt. Die Zuhälterin hatte einen Helfer, der das Mädchen bewachte. “Er musste sie anrufen, bevor er mir etwas zu essen geben durfte”, sagt Yamina. Oft durfte er nicht. “Sie hat mir gedroht, dass sie mich nach Italien an eine Madame verkauft, die ihre Mädchen verprügelt.” Nach drei Wochen war ihr Widerstand gebrochen. Yamina wehrte sich nicht mehr, zurück ins Eroscenter zu gehen. Sie bekam Alkohol von den anderen Frauen, um Geist und Körper zu betäuben. Um das über sich ergehen zu lassen, was die Kunden sonst offenbar nirgends ausleben können.
Yamina weint. Ihre Betreuerin nimmt sie in den Arm. Eine Psychotherapie hat das Mädchen bis heute abgelehnt. Und auch jetzt redet sie nur, weil sie warnen und Mut machen möchte: anderen Mädchen, die aussteigen und sich an die Polizei wenden sollten. “Verdrängung ist ihr zentraler Kompensationsmechanismus”, steht in einem Gutachten, das eine Psychologin im Kinderheim erstellte.
Und das ist wohl auch gut so. Ein anderes nigerianisches Mädchen, das wenig später im Eroscenter aufgegriffen wurde, hat inzwischen drei Selbstmordversuche hinter sich – einen, nachdem es bei der Polizei ausgesagt hatte. Die junge Frau lebt mit 19 Jahren immer noch im Heim, ihre Psyche ist zerrüttet. Über zwei Jahre lang hatte sie sich für ihre Zuhälterin in verschiedenen Etablissements prostituieren müssen.
“Die Freier wollen Frischfleisch”
Das Geschäft nimmt den schnellen Verschleiß der Frauen in Kauf. Mussten früher die Zuhälter noch darauf achten, dass ihre Prostituierten, ihr Humankapital, möglichst lange durchhielten, so spielt das seit der Osterweiterung der EU kaum noch eine Rolle. Der Nachschub ist schier unerschöpflich, trotz großer Nachfrage. Für die Bordelle sei es wichtig, häufig neue Damen anzubieten, sagt Sozialarbeiterin Wöhrle, “Freier wollen Frischfleisch”.
Und sie kriegen es. Es ist schon fast eine Art Wanderzirkus, bei dem die Zuhälter sehr genau wissen, in welchem Bordell sie ihre Mädchen unterbringen können. So warb etwa das Eroscenter in Krefeld auf seiner Homepage kürzlich “mit unseren vielen Girls aus aller Welt”, mit “Kiara” und “Gabriella”, die angeblich aus Brasilien zurück sind. Zu vermuten ist, dass Kiara und Gabriella ein paar Wochen lang in einem anderen Etablissement gearbeitet haben – möglicherweise unter anderem Namen. Aber das passt nicht zum Bild, das die Bordellbetreiber gerne von sich zeichnen. “Das sich im Industriegebiet Krefeld befindende Bordell ist mehr ein familiär geführtes Haus”, heißt es auf der Internetseite des Eroscenters. “Wir bieten unseren Damen ein angenehmes Arbeitsklima.”
Welche Mädchen in diesen offiziellen Laufhäusern nun Opfer von Zwangsprostitution sind oder nicht, das weiß möglicherweise nicht einmal der Bordellbetreiber. Oder besser gesagt: Er will es gar nicht wissen. So ist beispielsweise das Eroscenter offiziell gar kein Bordell, sondern eine gewerbliche Zimmervermietung mit Sitz in Frankfurt am Main.
Flaterate-Bordelle und ihre Folgen
Die Türsteher lassen sich von den Mädchen oder deren Zuhältern die Pässe zeigen und berufen sich darauf, dass sie ja nicht wissen konnten, dass die Papiere gefälscht seien. Nachfrage bei der WVB Wohnheim Verwaltungs- und Betreuungsgesellschaft, der Betreibergesellschaft des Eroscenters mit Sitz in Frankfurt am Main: Die Geschäftsführerin war nicht ans Telefon zu bekommen, sondern ließ lediglich über eine Telefonaushilfe ausrichten, dass es keine Vorfälle mit minderjährigen Mädchen in ihrem Betrieb gegeben habe.
Derartige Zustände sind nur möglich, weil in Deutschland jede Eckkneipe besser kontrolliert wird als ein Bordell, für dessen Betrieb es immer noch keine genauen Rechtsvorschriften gibt. Die Politik hat sich allzu lange nicht darum gekümmert. “Dieser Zustand ist unhaltbar”, sagt etwa Hartfrid Wolff, der Innen- und Rechtsexperte der FDP (Für den Originaltest der kleinen Anfrage der FDP im Bundestag klicken Sie hier). Er sitzt in seinem Abgeordnetenbüro gegenüber dem Reichstag.
Die Realität hat er zuletzt erst wieder in seinem Wahlkreis Waiblingen bei Stuttgart kennengelernt. Dort hat ein Flatrate-Bordell eröffnet. Die Männer zahlen einmal, dürfen dafür so lange und so oft sie wollen und können. Wolff findet das menschenverachtend. “Wir müssen die Betriebsstätten der Prostitution stärker und möglichst bundesweit regulieren.” Er fordert zudem ein Verbot von Flatrate-Bordellen. Er verlangt eine Zuverlässigkeitsprüfung der Bordellbetreiber und eine Buchhaltungsprüfung. “Das sollte Pflicht sein”, sagt Wolff. Es mag anachronistisch anmuten, dass es ein Liberaler ist, der eine lange Zeit der Tatenlosigkeit beenden will und sagt, der Umgang mit Prostitution und Menschenhandel sei viel zu liberal. “Hier”, sagt Wolff, “ist der Staat in der Pflicht.”
Dabei sagt der Politiker nur, was Fachleute seit vielen Jahren fordern. Männer wie der Münchner Kriminalhauptkommissar Uwe Dörnhöfer, spezialisiert auf Prostitutionskriminalität. “Es gibt gesellschaftlich eine Tendenz, Prostitution als einen Teilbereich von Wellness anzusehen.” Dazu passt, dass laut Augenzeugen im Saarland ein amtierender Bürgermeister bei einer Bordelleröffnung dabei gewesen sein soll.
Die Razzia und eine potenzielle Befreiung
Dabei wäre es durchaus möglich, mehr Mädchen aus den Fängen von Menschenhändlern und Zuhältern zu befreien. Kaum eine Razzia im Bordell vergeht, ohne dass Uwe van Rieth und Ludwig Rust von der Krefelder Polizei eine Frau mit auf die Wache nehmen.
Es ist ein kühler Abend im Oktober, kurz vor 20 Uhr, als van Rieth, ein Kollege und eine Praktikantin mit ihrem Van auf dem Parkplatz vorm Eingang des Eroscenters parken. Sie kennen sich aus. Hauseingang, hinunter in den Keller; dorthin, wo van Rieth vor gut zwei Jahren Yamina rausgeholt hat. Die Damen hier sind nach Herkunft auf die Etagen verteilt: asiatisch, europäisch, südamerikanisch. Die Afrikanerinnen leben und arbeiten im Keller.
Auf dem Gang ist es warm und feucht wie in einem Badezimmer nach dem Duschen. Die Zimmer, die vom Korridor abgehen, sind jeweils etwa zehn bis zwölf Quadratmeter groß. Das rote Licht ist so schummrig, dass die Polizisten Taschenlampen brauchen. Über den Zimmertüren hängen rote Glühbirnen: Leuchten sie, ist es das Signal, dass ein Freier im Zimmer ist. Als van Rieth und seine Kollegen in den Keller kommen, leuchtet kein rotes Licht. Vor den Zimmern Nummer 14 und 17, am Kopfende des Korridors, sitzen zwei schwarze Frauen in Reizwäsche.
“Polizei – Police!”, ruft van Rieth. Die Frauen blicken panisch, stammeln in schlechtem Englisch.
“I just came here. I don’t know, I don’t know”, sagt eine Frau in Tigerdessous und Badeschlappen, sie nennt sich Oghale.
“Where do you come from?”
“Novara, Italy. Small town.”
“Why did you come to Germany? ”
“Studies!”
Oghale legt drei Dokumente auf ein Bett, das nicht einmal eine Decke hat: einen nigerianischen Pass, eine italienische ID-Card und eine italienische Aufenthaltsgenehmigung. Sie ist 28 Jahre alt, vielleicht. Sie hat keine Arbeitserlaubnis in Deutschland. “You come with us”, sagt van Rieth. Sie solle ihre Sachen zusammenpacken, denn wahrscheinlich werde sie nicht zurückkommen.
Eine Sklavin mit Mietschulden
Es dauert sieben Minuten, weniger Zeit als für einen Freier, bis Oghale ihr gesamtes Hab und Gut in einem kleinen Rollkoffer verstaut hat: Deo, Shampoo, Creme, ein Schokoriegel und ein paar Kleidungsstücke, vor allem Reizwäsche. Der große Röhrenfernseher, auf dem “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” im Schneegestöber läuft, gehört zum Inventar dieses Zimmers, für das auch sie 130 Euro Miete pro 24 Stunden zahlt. Für ein Bett mit Kissen, einen Nachttisch und einen Schrank, in dem noch ein Teller mit Reis steht. Oghale greift hastig ein paar 10- und 20-Euro-Scheine aus ihrem Schrank und stopft sie in ihren Koffer. Auch die Frau aus Zimmer 14 muss mitkommen. Vorm Ausgang des Bordells warten drei Türsteher.
Rieth ist einsfünfundachtzig groß und durchtrainiert. Aber er sieht geradezu schmächtig aus im Vergleich zu dem Mann, der sich vor ihm aufbaut und ihn um einen Kopf überragt.
“Hat sie Geld dabei?”, fragt der Riese.
“Money, money? Sie hat noch Mietschulden. Können wir das noch eben abrechnen? Ich schreibe auch eine Quittung.” Oghale schweigt, blickt unsicher zu den Kommissaren. “Ich werde sie jetzt bestimmt nicht durchsuchen”, sagt van Rieth kühl und geht weiter.
Zwei afrikanische Frauen, zwei Festnahmen. Eine Trefferquote von hundert Prozent. Aber Kontrollen sind eher die Ausnahme als die Regel, in Krefeld wie anderswo. Acht Monate sind seit van Rieths letzter Razzia im Eroscenter im Februar dieses Jahres vergangen.
Das Pädophilen zieht es aufs Land
Polizeiwache Krefeld, siebter Stock, dort hat van Rieth sein Büro. “Unsere Hauptaufgabe ist die Verfolgung von sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung. Das Rotlichtmilieu machen wir praktisch nebenher.” Seit 16 Jahren schon, und seit sechs Jahren mit dem Kollegen Rust. Zwei Beamte, die im Rotlichtmilieu ab und an kontrollieren, das ist immer noch mehr als in vielen anderen Dienststellen. Der Kommissar holt Kaffee, der Abend kann noch lang werden. In seinem Büro wartet Oghale auf ihr Verhör.
Van Rieth, ein Mittvierziger mit blondem Haarkranz und Schnäuzer, ein nüchterner Mann, bietet ihr einen Kaffee an. Oghale lehnt ab. Mühsame zwei Stunden liegen vor ihnen. Der Polizist versucht der Prostituierten klarzumachen, dass er auf ihrer Seite steht, dass sie ihm vertrauen kann. “Wir können Ihnen nur helfen, wenn Sie mit uns reden.” Sie sieht ihn nur verständnislos an. Van Rieth steckt in einem Dilemma: Einerseits muss er ahnden, dass sich Oghale in Deutschland illegal aufhält, andererseits kann er ihr aber helfen, wenn sie ihm vertraut und erzählt, wer ihre Hinterleute sind. Denn sagt sie gegen ihre Zuhälter aus, hat sie gute Chancen, erst einmal in Deutschland zu bleiben. Nach zwei Stunden soll Oghale, die im Laufe der Jahre mit vielen Pässen unterwegs war, ihre Aussage unterschreiben. “Mit welchem Namen denn?”, fragt sie.
Es ist 23.20 Uhr, für van Rieth endet ein 15-Stunden-Tag. Dabei war der Besuch an der Mevissenstraße eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Denn Bordelle wie das Eroscenter, das einzig verbliebene Laufhaus in Krefeld, sind leicht zu kontrollieren. Es gibt eine offizielle Adresse, ein angemeldetes Gewerbe und die Türsteher sind durchaus kooperationsbereit. “Das ist keine Pädophilen-Klientel, die da hingeht”, sagt van Rieth. Minderjährige Mädchen wie Yamina seien dort eher die Ausnahme. Was ihn sorgt, sind ganz andere Orte. Etablissements in privaten Wohnungen, dort, wo vielleicht organisiert Kinder angeboten würden. Irgendwo auf dem Land. “Dort”, sagt van Rieth, “kommen wir gar nicht hin.”
Vorzeigebeispiel München
Wie es besser laufen könnte in Deutschland, das zeigt das Beispiel München. Die bayerische Landeshauptstadt ist vorbildlich, zumindest was die Erfassung und Kontrolle von Prostitution betrifft. Die personelle Ausstattung ist mit 20 Mitarbeitern im Kriminalkommissariat im Vergleich spitze: acht Beamte für die Kontrolle, zwölf ermitteln bei Verstößen. Alle Prostituierten müssen sich bei der Polizei melden, bevor sie ihre Arbeit in der Stadt aufnehmen. Sie werden wie ihre Zuhälter in der Datei “Prost/Zu” – kurz für Prostitution/Zuhälterei – erfasst, mit persönlichen Merkmalen bis hin zum Tattoo. Der Datenschützer war einverstanden.
Entsprechend gut ist das Datenmaterial, über das die Münchner verfügen: Im vergangenen Jahr hat die Polizei in der Großstadt 2500 Prostituierte registriert, von denen im Schnitt 650 im Einsatz waren. Das ist eine Verdoppelung in nur zehn Jahren. Wäre die Situation in Deutschland überall wie in München, dann gäbe es rund 125 000 Prostituierte zwischen Flensburg und Passau. Das Bundeskriminalamt geht aber von 400 000 aus. Trotzdem erlauben die Münchner Zahlen ein paar Rückschlüsse auf die Situation im ganzen Land.
Die Staatsangehörigkeiten
Nur jede vierte Prostituierte hat demnach einen deutschen Pass. Wenn eine der Frauen arbeitet, dann hat sie einen bis drei Freier am Tag, die im Schnitt rund 100 Euro zahlen. Das Gewerbe macht in München etwa 25 Millionen Euro Umsatz im Jahr, auf Deutschland hochgerechnet wären das etwas mehr als eine Milliarde. “Jeder Betreiber, der illegal Prostituierte beschäftigt, hat ein Problem”, sagt Hauptkommissar Dörnhöfer selbstbewusst. “Er weiß ganz genau, dass wir am längeren Hebel sitzen.” Bei Menschenhandel aber, da sitzt er am kürzeren Hebel. “Menschenhandel“, den können wir kaum unterbinden, diesem Phänomen stehen wir oft hilflos gegenüber. Denn auch uns sagt keine der Frauen von sich aus, dass sie zur Prostitution gezwungen wird. Die Angst ist zu groß.”
In kaum einem Bereich der Kriminalität ist die Strafverfolgung so schwierig. “Wenn wir ein Mädchen aus einem Bordell herausholen, dann haben wir Wochen, manchmal Monate Arbeit vor uns”, sagt Kommissar van Rieth von der Kripo Krefeld. Selten ist der Fall so eindeutig wie bei Oghale, die wegen fehlender Papiere und Aussagebereitschaft, aber vorhandener italienischer ID sehr schnell nach Italien ausgewiesen wurde. Meist ist es viel komplizierter, wie bei Yamina.
Van Rieth kann sich noch gut daran erinnern, wie er Yamina eines Abends im Eroscenter vorfand. Er hatte keinen Zweifel, dass sie minderjährig war. Und als er sie nach ein paar Tagen im Kinderheim besuchte, “war sie gar nicht mehr von der Schaukel herunterzukriegen”.
Auf van Rieths Schreibtisch liegt ein Aktenordner, gut zehn Zentimeter dick: der Fall Yamina. Vernehmungsprotokolle, Korrespondenz mit Behörden und Betreuern. Van Rieth kennt all die Gesichter zu diesen Namen: Yaminas Vormund beim Jugendamt, die Opferanwälte, die Leiter und Betreuer der Mädchenheime, mit vielen duzt er sich. Es ist ein gut funktionierendes Netzwerk entstanden, ein Glück für Mädchen wie Yamina.
Ein Gang durch die Behörden
Derjenige, der alles koordiniert, ist der sorgeberechtigte Amtsvormund: In Yaminas Fall ist das Simone Hartung (Name geändert), eine Frau, die trotz mehr als 70 weiterer Mündel unermüdlich für das Mädchen kämpft. Viele Gespräche haben die beiden miteinander geführt, unzählige Stunden miteinander verbracht. Hartung ist neben Yaminas Heimbetreuerin die engste Vertrauensperson. Sie hat Yamina beim Gang in einige Mädcheneinrichtungen begleitet, zu Ärzten, Anwälten, zur Polizei.
Ein solches Netzwerk bedeutet aber auch: hohe Kosten. Die Unterbringung in einem Mädchenheim in Deutschlands größeren Städten kostet zwischen 110 und 160 Euro am Tag. Hinzu kommen Arztbesuche, Klinikaufenthalte und Anwaltsrechnungen. Da kommen schnell 5000 Euro im Monat zusammen. Für die Folgen der Zwangsprostitution kommen die Steuerzahler auf, den Gewinn streichen Schleuser, Zuhälter und Bordellbesitzer ein. Laut einer Studie im Auftrag des niederländischen Justizministeriums aus dem Jahr 2003 verdient ein Zuhälter an einer einzigen Sexsklavin im Durchschnitt 250.000 Dollar.
So viel Profit macht skrupellos. Kurz nach der Jahrtausendwende hat van Rieth schon einmal eine 14-jährige Nigerianerin aus dem Eroscenter geholt. Das Mädchen kam ins Asylantenheim. Ein schlimmer Fehler: Sie wurde gekidnappt, kurzfristig in Belgien untergebracht und dann bei einer Razzia in Duisburg wieder aufgegriffen.
Entsprechend groß waren die Vorsichtsmaßnahmen, als van Rieth und Rust Yamina erst einmal im Präsidium hatten. Eine Nacht blieb sie in Polizeigewahrsam. Anschließend ging es in eines der Mädchenheime in der Region, nur ein kleiner Kreis von Beteiligten wusste, in welches. Es dauerte lange, bis Yamina Vertrauen gewann. Wie fast alle Opfer von Menschenhandel sagte sie erst einmal nicht die Wahrheit. “Normalerweise erzählen die Frauen uns, dass sie aus irgendeinem Bürgerkriegsland kommen, dann müssen sie nicht fürchten, sofort abgeschoben zu werden”, sagt van Rieth. Auch sonst gleichen sich die Geschichten: “Da gibt es immer irgendeinen weißen Mann, der sie mit dem Schiff nach Europa gebracht hat. Hier in Deutschland verlieren sie dann ihre Pässe in der Telefonzelle. Die Mädchen verlieren und finden ständig Pässe. Spätestens dann wissen wir, dass sie lügen.”
Erste Ermittlungen kommen in Gang
So auch Yamina: Sie sei von einem weißen Mann abgeholt worden und mit dem Schiff nach Deutschland gekommen. Dann sei sie erst in einen großen Bus gestiegen, später dann in einen kleinen Bus, der sie nach Krefeld ins Eroscenter gebracht habe. Die Hauptkommissare van Rieth und Rust verzweifelten. Monate vergingen, ohne dass sie die entscheidenden Details bekamen, um die Zuhälterin festnehmen zu können. Das passierte erst, als nach einem halben Jahr ein Nigerianer im Auftrag der Polizei zu ihr ins Mädchenheim kam, offiziell ein Dolmetscher.
“Er hat geschafft, was uns allen nicht gelungen ist”, sagt van Rieth. “Er hat ihr wirklich klarmachen können, worum es geht.” Fortan erzählte Yamina den Polizisten Details über Details: den Vornamen der Zuhälterin, Einzelheiten zur Einreise, ihre Aufenthaltsorte, sogar die Farbe einer Hauseingangstür. Stundenlang fuhr die Polizei mit ihr durch Düsseldorf, bis Yamina einen ihrer vorübergehenden Wohnorte erkannte. “Es war beeindruckend, was das Mädchen alles im Kopf behalten hatte”, sagt van Rieth.
Die Ermittlungen kamen in Gang. Wochenlang wurde die Frau observiert, telefonisch abgehört. Dann der Zugriff. Van Rieth koordinierte den Einsatz an vier Orten von der Zentrale in Krefeld aus. “Wir konnten uns sehr sicher sein, wo die Madame sich aufhält”, sagt der Kommissar. Und so gelang der Ermittlungskommission, was sonst sehr selten ist: Eine Menschenhändlerin wurde gefasst. Fast ein Jahr nachdem die Krefelder Polizei Yamina aus ihrem Martyrium im Eroscenter befreit hatte.
Die meisten Zuhälter kommen mit Bewährungsstrafen davon
Doch was nun folgte, steht beispielhaft für die Kapitulation des deutschen Rechtswesens vor den Tätern. Die Gründe dafür, warum so wenige Frauen, die in die Hände von Menschenhändlern geraten sind, Schutz beim Staat suchen, sind wohl auch bei den deutschen Behörden zu suchen.
Schöffengericht Krefeld, der Prozess. Yamina hat sich entschieden, nicht zu kommen. Sie will nicht aussagen, nicht noch einmal all die Details. Und sie will ihrer Zuhälterin nicht noch einmal begegnen, Naomi Achebe. Überhaupt gibt es wenige Menschen, die gehört werden sollen. Ein Verhandlungstag ist angesetzt, nicht einmal den nutzt das Gericht aus. Am frühen Nachmittag verurteilt der Richter die Angeklagte rechtskräftig “wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels zum Zwecke sexueller Ausbeutung” sowie “Zuhälterei”. Doch dann passiert das schwer Begreifbare: Achebe, eine 45-jährige Frau, die mindestens ein Mädchen nach Europa gelockt, ins Bordell geschleust, ausgebeutet und möglicherweise dessen Leben zerstört hat, verlässt den Saal als freier Mensch. Die Gefängnisstrafe ist für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Hinzu kommt ein Schmerzensgeld im höheren vierstelligen Bereich.
So läuft es meistens. Es gibt nur wenige Verfahren und die enden oft mit Bewährungsstrafen. Im vergangenen Jahr kamen drei Männer und eine Frau vor dem Landgericht Gießen mit Strafen von ein bis zwei Jahren auf Bewährung davon, nachdem sie eine junge Rumänin ausgebeutet und in verschiedenen Bordellen und Wohnungen in Reiskirchen und Offenbach zur Prostitution gezwungen hatten. Und erst im Oktober kam in Bonn eine 30-jährige Menschenhändlerin nach nur einem Verhandlungstag auf Bewährung frei, obwohl das Gericht sie wegen Zuhälterei, Menschenhandels und räuberischer Erpressung für schuldig befunden hatte.
Die Zuhälterin bleibt auf freiem Fuß
Wie gut die bestehenden Gesetze sind, ist eine Sache. Die andere aber ist, wie konsequent die Gerichte sie anwenden. So drohen laut Strafgesetzbuch bei einer Verurteilung wegen Menschenhandels bis zu zehn Jahre Haft.
Dass es die für Yaminas Zuhälterin nicht geben würde, war schon klar, bevor der Prozess begann. Die Staatsanwaltschaft brachte den Fall nicht vor die Strafkammer des Landgerichts, sondern nur vors Schöffengericht, das nicht mehr als vier Jahre verhängen darf. “Das ist eine geständige Täterin, die erstmals auffällig geworden ist. Da sind Bewährungsstrafen üblich”, sagt Oberstaatsanwalt Hans-Dieter Menden knapp. “Diese Strafe ist angemessen für das, was sie getan hat.” Viel mehr sagt er nicht, das Gespräch ist schnell beendet.
Die entscheidenden Fragen beantwortet Menden nicht. War Yaminas Zuhälterin Naomi Achebe wirklich so geständig, wie sie hätte sein können? Hat sie dem Gericht bei der Aufklärung des Falls so sehr geholfen, dass eine milde Strafe gerechtfertigt ist? Oder war es nicht so, dass sie immer nur das zugegeben hat, was nicht mehr zu leugnen war?
Eines jedenfalls zeigt dieser Fall: Die Spielräume, die die Strafverfolger haben, um die Strafe zu senken, sind groß. Die Täterin hat genug gestanden, um dem Opfer eine Aussage vor Gericht zu ersparen. Dafür wurde sie mit einem milden Urteil belohnt. Oft geht es in diesen Fällen nicht mehr darum, ob eine Strafe angesichts des Verbrechens gerecht erscheint. Sondern es geht darum, was das kleinere Übel ist. Das ist die Entscheidung, vor der auch die Anwälte der Opfer jedes Mal aufs Neue stehen.
Yamina kämpft um ihre Opferrente
“Wenn mir ein Mädchen sagt, dass es auf keinen Fall das alles vor Gericht noch einmal durchmachen will, dann hat das für mich absolute Priorität”, sagt Yaminas Anwältin Katrin Keller. Sie hat sich darauf spezialisiert, Opfer sexuellen Missbrauchs zu vertreten. Sie sagt: “Für ein umfassendes Geständnis sind wir auch bereit, bei unserer Strafforderung große Abstriche zu machen.” Außerdem, auch das ist ihr wichtig, bekomme Yamina nun Schmerzensgeld.
“Davon hat sie wirklich etwas. Das geht jetzt jeden Monat auf ihrem Konto ein.” Nach Lage der Dinge kann es also im Sinne des Opfers sein, dass der Täter nicht die härteste Strafe bekommt. Aber das erklärt nicht, warum die Staatsanwaltschaft diesen vergleichsweise gut dokumentierten Fall nicht genutzt hat, mehr über die Hintermänner und -frauen Achebes zu erfahren. Und warum hat das Gericht kein Exempel statuiert, um Menschenhändler abzuschrecken?
“Das sind alles berechtigte Fragen”, sagt der zuständige Richter Jochen Grefen, bei dem in Krefeld die meisten Missbrauchsfälle landen. Fragen, deren Beantwortung in der Eile des Prozesses ausblieb. Für dieses Gespräch aber hat sich Grefen Zeit genommen. Auch er argumentiert, dass Achebe Klartext gesprochen und Yamina damit den schweren Gang in den Gerichtssaal erspart habe.
Man merkt aber, dass er sich die Sache nicht leicht macht. Wie kann man den Opfern gerecht werden? “Da findet erst allmählich ein Umdenkensprozess statt”, sagt Grefen. Was er nicht mitbekommt: Für manche Opfer fangen die wahren Demütigungen erst an, wenn die Richter Recht gesprochen haben. Wenn es um Opferrenten geht oder um die für die Opfer meist noch viel wichtigere Frage: Darf ich in Deutschland bleiben – oder werde ich abgeschoben?
150 bis 200 Freier die Woche
Yaminas Jugendamtsbetreuerin hat für ihr Mündel eine Opferrente beim Landschaftsverband Rheinland beantragt. Der Antrag wurde zweimal abgelehnt (Das Ablehnungsschreiben lesen Sie im Original hier).
Der Sachbearbeiter argumentiert, dass Yamina, die in den acht Wochen schätzungsweise 150 bis 200 Freier bedienen musste, beleidigt und bespuckt wurde und sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr über sich ergehen lassen musste, sich “ohne jegliche Gewaltanwendung” prostituiert habe. Sie hätte das Eroscenter verlassen können und habe es nur deshalb nicht getan, “weil sie nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte”.
Und ein Opfer sexuellen Missbrauchs? Sei Yamina auch nicht. “Sie waren zum Zeitpunkt des Aufenthaltes im Eroscenter mit 15 Jahren zwar noch sehr jung”, heißt es in dem Bescheid, der dieser Zeitung vorliegt. “Ihnen war aber bewusst, welche Tätigkeiten Sie dort verrichten.” Und er widerspricht dem Urteil des Krefelder Gerichts – es hatte Yamina bescheinigt, sie habe nicht die Möglichkeit gehabt, sich den “Vorgaben und den Weisungen der Angeklagten zu entziehen”. Der Landschaftsverband sieht das offenbar anders: “Ein gewalttätiger Zwang, im Eroscenter zu wohnen, wurde auf Sie nicht ausgeübt.” Ergo: kein Geld für Yamina.
Gabriele von Berg, die zuständige Abteilungsleiterin, gibt zu, dass die Formulierungen “sehr unglücklich” seien. Sie könne sich gut an den Fall erinnern, und der Sachbearbeiter habe es sich nicht leicht gemacht. “Wir haben nicht zum Ziel, eine Opferrente möglichst abzulehnen”, sagt sie. “Wir haben es in diesem Fall sogar gut gemeint.” Sie verteidigt die Ablehnung. Sie schließt aber nicht aus, den Fall noch mal zu prüfen. Es sei nicht ganz einfach, das alles nachzuvollziehen. Das Problem seien die Gesetze.
Der Begriff “Menschenhandel”
Diese Klage immerhin leuchtet ein. So kommt im Opferentschädigungsgesetz aus dem Jahr 1976 der Begriff “Menschenhandel” gar nicht vor. Dieses Phänomen ist genauso wenig abgedeckt wie Stalking oder psychische Gewalt. Es muss vielmehr einen tätlichen Angriff unmittelbar auf den Körper eines Menschen gegeben haben. Mit anderen Worten heißt das: Wird ein Mädchen über Jahre hinweg unter Druck gesetzt und zur Prostitution gezwungen, hat es keinen Anspruch auf eine Opferrente. Wird es hingegen ein einziges Mal geschlagen und dabei dauerhaft körperlich verletzt, dann hat es einen Anspruch. “Wir fordern seit Langem, dass das geändert wird”, sagt von Berg.
Noch aber gibt es kein neues Opferschutzgesetz, obwohl das alte offenkundig nicht mehr taugt. Die Zuhälter zwingen immer neue Mädchen und Frauen, für sie anzuschaffen. Kommissar van Rieth führt wegen der Personalnot immer noch zu wenige Kontrollen durch und sagt: “Die Mädchen sind da draußen, wir müssen sie nur suchen.”
Ein paar Politiker wie der FDP-Abgeordnete Wolff fordern die Regierung auf, endlich zu handeln, obwohl er weiß, dass dieses Thema in den Chefetagen des Berliner Politikbetriebs nicht das wichtigste ist. “Opfer von Menschenhandel”, sagt Wolff, “müssen in den Genuss eines Zeugenschutzprogramms und eines langfristig gesicherten Aufenthalts kommen. Wir wollen ihnen einen Neuanfang in Deutschland ermöglichen.”
Yamina und ihre ungewisse Zukunft
Yamina kann inzwischen hoffen. Bald wird sie 18 Jahre alt. “Ich will den Führerschein machen und Köchin werden”, sagt sie. Ein Praktikum in der Küche eines Altenheims hat sie bereits. Sie will bleiben. Sie hat einen Asylantrag gestellt (Zur Problematik des Bleiberechts auf EU-Ebene finden Sie einen Bericht an das EU-Parlament hier).
Aus Erfahrung erwartete ihre Betreuerin Hartung eine lange, harte Verhandlung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld, bei der Yamina alle Details noch einmal hätte erzählen müssen. Dass sie in ein Land kam, das sie nicht kannte. Dass sie lange Wochen in Gefangenschaft und einem Bordell verbracht hat. Dass sie vor der Polizei ausgesagt hat. Und dass sie die Sprache gelernt und einen Schulabschluss gemacht hat. Anfang vergangener Woche aber hat das Amt signalisiert, auf eine längere Verhandlung verzichten und Yamina Asyl geben zu wollen. Zu eindeutig sei die Aktenlage.
Es ist eine Chance für ein Mädchen, das nie eine bekommen hat.
Quelle: welt.de
Prostituiert und ruiniert
Tausende Frauen, die auf den Strich gehen, sind heillos überschuldet. Die Zuhälter machen sie alltagsunfähig
Viele werden von den Luden dazu gedrängt, Läden zu eröffnen, in denen diese ihr Geld waschen können
Meist ist der einzige Ausweg die Privatinsolvenz. Jeder Gläubiger kann dann erfahren, auf welche Art sie ihr Geld verdient haben
Sonja K. (Name geändert) erzählt aus ihrem Leben so distanziert, als ginge es dabei um eine entfernte Bekannte. “Ich bin aktuell noch in Behandlung wegen meiner Depressionen”, sagt sie ruhig mit diesem typischen, leicht nasalen Hamburger Einschlag in der Stimme. “Mit Angstanfällen hab ich viel zu tun, eine Zeit lang war ich esssüchtig. Einen Selbstmordversuch habe ich auch hinter mir.”
Aber keine Sorge, sie könne in der Vergangenheit wühlen, ohne gleich wieder in die Depression zurückzufallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die sie aus ihrer Beratungsstelle “Kaffeeklappe” kenne, und die das Gleiche erlebt hätten wie sie. Sonja K.s Bedingung war, dass das Gespräch im Büro der Hamburger Beratungsstelle stattfinden müsse. Hier fühlt sie sich geschützt.
Sonja ist 36. Sieben Jahre lang hat sie ihren Körper für Sex verkauft. Trotzdem war sie danach so hoch verschuldet, dass sie noch heute, weitere sieben Jahre später, in Privatinsolvenz lebt. Sie geht putzen und bekommt Hartz IV. Die Ämter überwachen ihre Einnahmen und Ausgaben genau, teilen ihr nur so viel Geld zu, dass sie über die Runden kommt.
Es gibt Tausende Frauen in Deutschland, denen es so geht wie Sonja: prostituiert und hoch verschuldet. Fast jede Schuldnerberatung hat Prostituierte als Kundinnen. Viele leben in Privatinsolvenz und haben den Ausstieg geschafft. Andere gehen noch immer anschaffen, um ihre Schulden abzahlen zu können.
Sonjas Geschichte beginnt vor mehr als zehn Jahren. Sie ist Anfang 20, hat einen Job als Zahnarzthelferin. Eigentlich könnte ihr Leben in normalen Bahnen weiterlaufen: netter Freund, Hochzeit? Doch dann kommt dieser Abend, an dem ihr Leben den entscheidenden Abzweig nimmt. Sie ist mit ihrer Freundin in einer Disco feiern. Dort sieht sie Jens und verknallt sich. “Breitschultrig, tätowiert, ein richtiger Kerl”, sagt sie. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, in ihrer Stimme schwänge noch immer Schwärmerei mit. “Wir sind gleich in der Kiste gelandet”, sagt sie.
Sonja und Jens werden ein Paar. “Er sagte: Warum gehst du jeden Tag in die Zahnarztpraxis? Du könntest richtig Kohle machen. Gehst alle paar Wochen mit einem Typen ins Bett, alles Freunde von mir, und machst dir ein schönes Leben.” Im Milieu heißt dieses Anwerben, bei dem der Zuhälter der Frau den verliebten Freund vorspielt, “poussieren”.
Warum fiel sie darauf rein? Im Gegensatz zu den 200 000 ausländischen Prostituieren, die in Deutschland ihren Körper verkaufen, um zu Hause ihre Familie zu unterstützen, hatte Sonja K. Alternativen.
“Ich hab mir vorgestellt, das wäre so eine Geschichte wie bei ,Pretty Woman’”, sagt sie. Vielleicht hat sie damals, mit Anfang 20, tatsächlich so gedacht. Und wahrscheinlich ist die Scham über die eigene Naivität auch ein Grund, warum sie auch heute noch so besorgt darum ist, ihre Anonymität zu wahren.
So schwer diese Karriere für Außenstehende zu verstehen ist, Fakt ist: 400 000 Frauen verdienen in Deutschland ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, und viele von ihnen lassen sich zunächst freiwillig darauf ein.
Jens machte Sonja systematisch alltagsuntauglich. Ein bundesweit tausendfach praktiziertes Geschäftsmodell. “Er hat meine Post geöffnet, die Rechnungen bezahlt und sich um alles gekümmert.” Er sagte ihr, sie brauche sich nicht belasten, solle lieber ihre Haare pflegen und zur Sonnenbank gehen.
Sie fand das gut. Gab ihm die Geheimnummer für ihr Konto und alle Vollmachten. Er bezahlte ihre Krankenversicherung – offiziell war sie dort als Hausfrau gemeldet und über den Lebensgefährten mitversichert. Er schloss auf ihren Namen einen Handyvertrag ab, bezahlte ihr neue Klamotten und Kosmetika. Ziemlich schnell hatte sie keinen Überblick mehr, was sie verdiente. Jens kaufte sich einen Porsche. “Mit fetten Felgen”, sagt sie. Klischee pur.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis das Leben mit Jens sich als wenig glamourös entpuppte. “Irgendwann war’s Alltag”, sagt sie. “Ich stand mal an der Herbertstraße, mal an der Davidstraße. Ich hab auch am Autostrich gearbeitet.” Dass Jens sie brutal geschlagen habe, wenn sie etwas “falsch gemacht” hätte, erwähnt sie in einem Halbsatz.
Sonja wollte weg, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie ihr Leben auf die Reihe bekommen sollte. “Ich kenne viele alternde Frauen, die vegetieren seit 15 Jahren vor sich hin, können aber nicht aussteigen, weil sie nicht wissen, wie das normale Leben funktioniert.”
Sonja schaffte den Ausstieg. Wie genau, mag sie nicht erzählen. Sonja dachte, sie wäre jetzt frei.
Ein paar Wochen später bekam sie einen Brief von der Krankenversicherung. Jens hatte aufgehört, ihre Krankenkassenbeiträge zu zahlen. “Die Rückstände belaufen sich auf 182 Euro”, stand da. Sonja wollte das Geld überweisen. Sie ging zur Bank, wusste aber nicht, wie man einen Überweisungsträger ausfüllt. Was ist eine Bankleitzahl? Außerdem: Auf dem Konto waren gerade mal ein paar Euro. Und die Lebensversicherung, die ihre Eltern vor Jahren für Sonja angelegt hatten, war von Jens schon vor Jahren aufgelöst worden. Er hatte ihre Unterschrift gefälscht.
Sonja hatte nun keine regelmäßigen Einkünfte mehr. Sie lieh sich Geld mal hier, mal da. Ging immer noch ins Nagelstudio, zur Sonnenbank, abends in die Cocktailbars. Telefonierte stundenlang auf dem Handy und war überrascht, wenn dann die Rechnungen kamen.
Irgendwann war das Konto so weit im Minus, dass sie keine ihrer Rechnungen mehr zahlen konnte. Also nahm sie ihren jahrealten Arbeitsvertrag aus der Zahnarztpraxis. Ging damit zur Bank und bekam einen Kredit über 3000 Euro. Konnte die Zinsen nicht zahlen, häufte weitere Schulden an: 800 Euro Mietrückstand, 300 Euro Handyrechnung. Und ging wieder auf den Strich, um an Geld zu kommen. Dort lernte sie einen neuen Mann kennen, einen Türsteher. Verliebte sich, übernahm für ihn eine Bürgschaft für einen Kredit über 17 000 Euro. “Das hat mir das Genick gebrochen”, sagt sie. Der Kredit platzte, der Mann war weg, und Sonja stand mit den Schulden da, 25 000 Euro.
Schuldnerberater kennen noch weit drastischere Fälle, zumindest was die Höhe der Schulden angeht. “Wir haben schon Frauen bei uns gehabt, die Schuldenberge von bis zu 150 000 Euro angehäuft haben”, sagt etwa Maren Leder von der Beratungsstelle Sichtbar in Kassel. Solche Summen kommen zusammen, wenn die Frauen von ihren Zuhältern dazu gedrängt werden, ganze Läden zu eröffnen, in denen die Luden dann ihr Geld waschen können: Restaurants, Bars, Nagelstudios. “Die Frauen geben nur ihre Namen, damit sie vor den Behörden verantwortlich sind. Sie haben keine Ahnung, wie man ein Geschäft führt und welche finanziellen Verantwortungen auf die zukommen.”
Prostituierten, die einmal in den Schuldenstrudel geraten sind, bleibt die Privatinsolvenz oft als einziger Ausweg. Ein Schritt, der viel Mut kostet. Denn Insolvenz anmelden heißt: alles offenlegen und damit das letzte bisschen Würde verlieren, dass sich die Frauen bewahrt haben. Denn in der detaillierten Aufstellung der Schulden erfährt jeder Gläubiger, wie seine Mieterin ihren Lebensunterhalt verdient.
Sonja K. musste lernen, mit dem wenigen Geld auszukommen, das der Insolvenzanwalt ihr jeden Monat zuweist. Die Wohnung, in der sie jetzt lebt, ist bescheiden. Ein Zimmer, 33 Quadratmeter und kleiner Balkon in Hamburg-Barmbek. “Noch ein halbes Jahr, dann ist das Verfahren durch, und meine Schulden sind weg”, sagt sie. Vielleicht kann sie dann doch noch da weitermachen, wo sie damals aufgehört hat.
Quelle: welt.de
Prostitution – kein Beruf wie jeder andere
Prostitution hat viele Gesichter. Frauen verkaufen ihren Körper für Geld – unter Zwang, aus blanker Not, aus Lust am Geschäft. Das Freiburger Modellprojekt Pink unterstützt Prostituierte, die aus dem Gewerbe aussteigen wolle.
Frau S. will nicht mehr. 22 Jahre hat sie als Prostituierte in Freiburg gearbeitet – jetzt ist sie ausgestiegen. Es rechnet sich nicht mehr, sagt sie. Die Konkurrenz aus Osteuropa habe die Preise und Sitten verdorben. “Es ist noch nie soviel ohne Schutz gearbeitet worden”, erzählt Frau S. “Jede zweite Anzeige wirbt mit dem Versprechen tabulos. Die Einnahmen stehen in keinem Verhältnis zum Risiko.” Die Gäste forderten immer mehr für immer weniger Geld. Frauen, die ihre Gesundheit nicht ruinieren wollen, hätten kaum noch Verdienstmöglichkeiten.
Frau S. ist weder blutjung, gertenschlank noch umwerfend schön. Doch sie wirkt selbstbewusst und unabhängig, sie ging ihrer Arbeit gern nach und fühlte sich als Chefin in einem Gewerbe, in dem sie über Arbeitszeit, Arbeitsort und Verdienst selbst entscheiden konnte. Sie habe sich nie zu etwas zwingen lassen, sagt die gepflegte Blondine. Sie hat das Fachabitur, eine Berufsausbildung – und sie hat zwischendurch immer wieder in ihrem bürgerlichen Beruf gearbeitet.
Prostitution hat viele Gesichter. Frauen verkaufen ihren Körper für Geld – unter Zwang, aus blanker Not, aus Lust am Geschäft. Für die einen bleibt Prostitution eine kurze Episode, für andere eine längere Option. Die Sexarbeiterin, die auch mal einen Mann ablehnt, hat nichts gemein mit der Drogenabhängigen, die für zehn Euro ins Auto des Freiers steigt.
“Das Milieu ist ungemein vielschichtig”, sagt Simone Heneka, Sozialarbeiterin bei der Beratungsstelle Pink in Freiburg. “Nicht jede Prostituierte ist automatisch ein Opfer. Es gibt Frauen, die sich frei entschieden haben, die selbstständig arbeiten, die keinen Zuhälter haben.”
Wie viele arbeiten unter Zwang, wie viele freiwillig? Die Sozialarbeiterin zuckt leicht ratlos mit den Schultern. “Das ist eine Frage der Definition. Wenn Frauen aus Armut anschaffen gehen – ist dies freiwillig oder geschieht es aus Not, weil es keine Wahlmöglichkeit gibt?”
Es gibt Frauen, auch aus Osteuropa, die genau wissen, was sie tun. Die schnell viel Geld verdienen wollen, um die Familie zu unterstützen, die Schulden abzubezahlen oder eine Existenz aufzubauen. Und die sich doch oft etwas vormachen.
Glitter und Glanz sind im ältesten Gewerbe der Welt rar. Die Allerwenigsten werden als Callgirl für eine Nacht von einem Fußballstar oder Ministerpräsidenten eingeflogen und mit 1000 Euro oder mehr entlohnt. Die meisten sind schon froh, wenn sie 1500 Euro im Monat einnehmen. Und die Ausgaben für Miete, Kontaktanzeigen, Kleider und Kosmetika sind hoch.
Seit einem halben Jahr arbeitet Simone Heneka beim landesweit einmaligen Modellprojekt Pink in Freiburg. Eine zweite Stelle ist in Kehl. Pink – die vier Buchstaben stehen für Prostitution, Integration, Neustart und Know-how – will Frauen beim Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu und beim Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt helfen. Ins Leben gerufen wurde Pink von der Bundesregierung, finanziert wird die Anlaufstelle von Land und Bund, getragen vom Diakonischen Werk Freiburg. Der Standort Freiburg wurde bewusst gewählt: Prostitution gibt es nicht nur in sündigen Großstädten, sondern auch in braven grün-alternativen Universitätsstädten. Eine Anlaufstelle für die Damen vom horizontalen Gewerbe gab es bislang aber nicht.
Bis zum 1. Januar 2002 galt die Prostitution in Deutschland als sittenwidrig. Sie war zwar nicht ausdrücklich verboten, aber in der täglichen Praxis gab es viele Einschränkungen. Gegen den heftigen Widerstand der Union hatten SPD und Grüne dann das “Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse von Prostituierten” durchgebracht, um einen “gesellschaftspolitischen Meilenstein” zu setzen. Seither ist die Prostitution als Erwerbstätigkeit anerkannt. Vereinbarungen mit Prostituierten sind rechtsverbindlich, das Honorar ist einklagbar. Bordelle können Frauen – und Männer – anstellen, Sozialabgaben und Krankenversicherung zahlen.
Glitter und Glanz sind in diesem Gewerbe rar
Daraus lassen sich Ansprüche auf eine Umschulung und die Wiedereingliederung in den normalen Arbeitsmarkt ableiten. In der Begründung für das Prostitutionsgesetz heißt es ausdrücklich, dass Prostituierte jederzeit die Möglichkeit haben sollen, aus dem Milieu auszusteigen, in dem ihnen zum Beispiel Umschulungen angeboten werden.
Das Gesetz war gut gemeint. Es sollte ein Kapitel deutscher Sittengeschichte schließen, das an Bigotterie kaum zu überbieten war. Doch die Ziele wurden verfehlt. Nur ein Prozent aller Prostituierten hat einen Arbeitsvertrag, heißt es in einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums. Zwar sind 87 Prozent der Prostituierten krankenversichert, die überwiegende Mehrheit nicht unter ihrer Berufsbezeichnung, sondern als Familienangehörige.
Verständlich: Welche Frau geht schon zur Krankenkasse und erzählt dem Sachbearbeiter, dass sie als Prostituierte arbeitet und sich freiwillig versichern möchte? Welche Dirne traut sich, beim Arbeitsamt eine Umschulung zu beantragen und aus ihrem Vorleben zu berichten? Kaum eine Frau kann ihre berufliche Tätigkeit in ihr Leben integrieren – die meisten führen ein Doppelleben. Sie wollen nicht als Prostituierte bekannt, erkannt werden – wegen der Nachbarn, der Familie und vor allem wegen der Kinder.
“Das soziale Stigma ist nach wie vor vorhanden”, sagt Renate Kirchhoff, Professorin für Theologie an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg, die sich seit langem mit dem Thema Prostitution beschäftigt. Bis das Thema Sexarbeit vorurteilsfrei debattiert werden kann, werden noch Jahre verstreichen.
“Die Vermutung liegt nahe, dass das Gesetz auch ins Leben gerufen wurde, damit der Staat von den Einnahmen im Rotlichtmilieu profitiert”, sagt Simone Heneka. Da geänderte Paragrafen allein nicht ausreichen, sind praktische Hilfen zum Ausstieg nötig. Daran fehlte es in Südbaden – bis zur Gründung von Pink.
“Es gibt viele Frauen, die aussteigen wollen. Sobald sie jedoch öffentlich sagen, was sie bisher gemacht haben, stehen sie im Abseits”, bestätigt auch Pink-Projektleiterin Angelika Hägele.
Die Probleme sind immer wieder die selben: Einige haben keine eigene Wohnung – die Arbeitsstätte ist gleichzeitig auch Unterkunft, die bei einem Ausstieg verlassen werden muss. Viele haben Schulden, leben nach einem Brutto-für-Netto-Denken. Weil sie das Geld aus Angst nicht zur Bank tragen, werde es oft gleich wieder ausgegeben. Und: Gerade im Ausstiegsprozess leiden viele Frauen unter großen sozialen, gesundheitlichen und seelischen Problemen.
Wer Prostituierte aber nur als Opfer betrachtet, übersieht, dass die Frauen Kompetenzen haben, die im bürgerlichen Arbeitsleben gefragt sind: Kundenfreundlichkeit, Flexibilität, Konfliktmanagement, eigenverantwortliche Arbeitsteilung und Menschenkenntnis sind Schlüsselqualifikationen, die einen Einstieg auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich machen sollten.
Die Konkurrenz wird größer, die Sitten werden härter
Fakt ist aber auch: Wer 20 Jahre im Milieu gearbeitet hat, kommt nur schwer wieder unter. Selbst qualifizierte Frauen sind schwer zu vermitteln. Noch schwieriger gestaltet sich die Suche, wenn mangelnde Deutschkenntnisse, abgebrochene oder nicht anerkannte Schulabschlüsse, Verschuldung oder psychische Probleme hinzukommen. Den Beraterinnen ist klar: “Wem es gut geht, der kommt erst gar nicht zu uns.”
Aber immer weniger Prostituierten geht es gut. Die Konkurrenz wird härter. Die Sitten auch. “Flatrate-Bordelle”, die Sex zu Schleuderpreisen anbieten, und “Gang-Bang-Veranstaltungen”, bei denen die Kunden Gruppensex an mit Prostituierten haben, sind der jüngste Trend. Die hygienischen Bedingungen in den Flatrate-Clubs seien alles andere als toll, berichtet eine Beraterin vom Gesundheitsministerium Stuttgart über einen solchen Club in Fellbach. Die Zimmer hätten keine Türen, die Frauen würden sich Betäubungsmittel in die Vagina spritzen, weil sie es sonst nicht aushalten könnten, 60 bis 70 Männer am Tag zu “bedienen”. Zudem werde es im Rotlichtmilieu immer schwieriger, ohne einen Zuhälter zu arbeiten.
Frau S. ist ausgestiegen. Eine neue Stelle hat sie bislang nicht gefunden.
Seriöse Zahlen gibt es nicht
Seriöse Zahlen zur Prostitution in Deutschland gibt es nicht. Eine häufig zitierte Schätzung, die auf die Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra zurückgeht, geht von 400 000 Prostituierten in Deutschland aus. Das Bundeskriminalamt schätzt die Zahl der hierzulande arbeitenden Huren auf 200 000. Die Angaben werden auch dadurch erschwert, dass viele Frauen dieser Tätigkeit nur nebenbei, gelegentlich oder für einen kurzen Lebensabschnitt nachgehen. Die Zahl der Kunden wird auf 1,2 Millionen geschätzt – am Tag. Der Jahresumsatz der Branche wird auf sechs bis 14 Milliarden Euro betragen. Mindestens zwei Milliarden Euro sollen als Steuern an den Staat gehen. Die meisten Prostituierten arbeiten in Clubs, Terminwohnungen oder Kleinbordellen. Allein in der Stadt Freiburg sind 70 Kleinbordelle und Terminwohnungen bekannt.
400 Prostituierte sollen entlang der Rheinschiene arbeiten. 85 Prozent sind Migrantinnen aus Rumänien oder Bulgarien, die für eine gewisse Zeit in Deutschland leben und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren. Zum Vergleich: Die Zahl der Prostituierten in der Hauptstadt Berlin wird auf 6000 bis 8000 geschätzt. Petra Kistler
Weitere Informationen unter:
http://www.pink-baden.de
Telefon: 0761/2169918
Quelle: badische-zeitung.de
Dominikanische Prostituierte in Spanien inhaftiert
Barcelona.- In den Staedten Barcelona und Mataro wurden 20 Prostituierte verhaftet.
Davon waren 12 spanischer Nationalitaet, die anderen Damen kamen aus Kroatien, Nigeria, Marokko, Rumaenien, Kolumbien, Brasilien, Portugal und der Dominikanischen Republik. Die Damen nutzten fuer die Prostitution jedoch gefaelschete Aufenthaltsgenehmigungen mit anderen Arbeitsnachweisen.
Insgesamt hatte man 11 Bordelle durchsucht nach irrugelaer arbeitenden Huren. Die Damen haben sich verschiedenen Verbrechen schuldig gemacht: illegale EInreise, Dokumentenfaelschung und falsche Angaben zum Familienstand.
Die Polizei von Spanien beginnt mit weiteren Untersuchungen von Saunaclubs und Relax-Zentren, wo auslaendische Frauen der Prostitution nachgehen. Auf die Lokale wurde die Polizei aufmerksam durch Anzeigen in der Presse und im Internet. Mehr als 93 Personen hatte man ueberprueft.
Die Bordelle waren getarnt als Friseursalons. In den Lokalitaeten wurden die Freier von einer Empfangsdame begruesst, die dann die einzelnen Maedchen vorstellte. Zwischen 60 und 80 Euro kostete der Liebesdienst fuer eine halbe Stunde, Einnahmen und Zeit kontrollierte die “Concierge” ebenfalls. 50% der Einnahmen mussten die Maedchen an das Lokal fuer die Miete abtreten.
Quelle: hispaniola.eu
Nürnberg – Bestatter erschlägt und verbrennt seine Ehefrau …
…DAMIT ER FREI IST FÜR SEINE BRASILIANISCHE GELIEBTE
Nürnberg – Die Brasilianerin war 16 Jahre jünger als seine Ehefrau, brachte Exotik und Erotik ins Leben von Jürgen Z. (49).
Da fasste der Bestatter aus Selb (Bayern) nach Ermittlungen der Polizei einen fatalen Entschluss:
Sechs Monate nachdem er Deiseluci N. (34) in einem Restaurant in Nürnberg kennen gelernt hatte, soll er Ehefrau Carola N. († 50) getötet haben. Jetzt muss er sich wegen Mordes vor Gericht verantworten.
Der Staatsanwaltschaft ist sicher: „Er wollte sich seiner Ehefrau entledigen, um mit Deiseluci N. ein neues Leben in Brasilien zu beginnen. Er hatte ihr bereits die Ehe versprochen.“ Der Bestatter habe mit der Lebensversicherung seiner Frau und dem Verkauf des gemeinsamen Hauses seine Finanzprobleme lösen wollen.
Die Polizei glaubt: Er erschlug die Ehefrau im Keller mit einem Holzscheit, legte die Leiche in den grünen Suzuki seiner Frau. Im Wald setzte er den Wagen in Brand.
Unglaublich: Danach soll er zum 50. Geburtstag seines Freundes gegangen sein. Sonja F. (51), beste Freundin der Ehefrau: „Er kam geschniegelt und frisch geduscht, sagte, er sei rumgefahren, um sie zu suchen. Ich meinte zu ihm: ‚Umgebracht wird sie schon keiner haben.‘ Da schaute er mich mit großen Augen an und sagte: ,Weiß man’s?’“
Nach der Feier telefonierte der Bestatter noch einmal mit Deiseluci N. in Brasilien. Es war der 993. Anruf! Danach meldete er seine Frau vermisst. Er wurde noch in derselben Nacht festgenommen. Polizisten hatten Blutspritzer im Haus entdeckt. Der Angeklagte behauptet, es sei ein Unfall gewesen.
Ihm droht lebenslange Haft. Das Urteil wird am 15. Dezember erwartet.
Quelle: bild.de
Was gewöhnliche Menschen von Prostituierten unterscheidet
Benedikt XVI. ist es jetzt ähnlich ergangen wie Thilo Sarrazin vor einigen Monaten. Auch sein Buch war vor der Veröffentlichung schon Gegenstand der Berichterstattung in sämtlichen Medien. Ähnlich wie „Deutschland schafft sich ab“ wurde auch das Interview-Buch „Licht der Welt“ in der Öffentlichkeit nur selektiv wahrgenommen.
Wenn auch die Schuld für das Mediendebakel der letzten Tage in erster Linie dem vatikanischen Pressebüro und dem „Osservatore Romano“ für seine zeitlich (am Tag der Kardinalsernennung!) und thematisch ungeschickte Veröffentlichung zukommt, bleibt doch festzustellen, daß die linken Meinungsmacher in unserem Land sich keine Gelegenheit entgehen lassen, dem Papst mitzuteilen, welche Moral er zu lehren hat.
Äußerung des Papstes war nicht sensationell
Öffentliche Äußerungen des Papstes – egal zu welchem Thema – werden hierzulande so lange durchsucht, bis man auf eine Bemerkung zur katholischen Sexualmoral stößt. Diese wird dann dazu benutzt, die katholische Lehre als „mittelalterlich“ und „weltfremd“ darzustellen und die sattsam bekannten Forderungen nach Anpassung an die moderne Zeit zu erheben.
Anstelle farbenfroher Bilder der neuen Kardinäle oder anderer aufbauender Gedanken aus dem Papstinterview war also das unappetitliche Kondom in den Medien der letzten Tage omnipräsent. Die meisten Kommentatoren meinten, eine Änderung der traditionell-katholischen Lehrmeinung feststellen zu können, die einigen allerdings noch immer nicht weit genug ging. Wer allerdings die betreffende, recht kurze Passage selbst gelesen hat, musste ernüchtert feststellen, daß die Äußerung des Papstes so sensationell nun doch nicht war.
Spricht doch der Papst von Ausnahmen bezüglich des kirchlichen Verbotes künstlicher Verhütungsmittel. Als Beispiel erwähnt er das Verhalten von Prostituierten. Wo der sexuelle Akt, der vielleicht sogar unter Zwang ausgeübt wird, generell von Liebe und Entstehung neuen Lebens entkoppelt ist, zeugt es von Verantwortung, wenn man den Sexualpartner nicht leichtfertig einer Infektion mit dem HI-Virus aussetzt. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit!
Empfehlung von ehelicher Treue und Enthaltsamkeit bleibt unverzichtbar
Dennoch weist der Papst darauf hin, daß die AIDS-Problematik nicht so einfach in den Griff zu bekommen ist. Unverzichtbar bleibt daher die Empfehlung von ehelicher Treue und Enthaltsamkeit. Als Mittel zur Empfängnisregelung müssen Antibabypille und Kondom aus katholischer Sicht weiterhin abgelehnt werden, da sie den innigsten Akt menschlicher Liebe und die Möglichkeit zur Entstehung neuen Lebens auseinanderdividieren, die aber gemäß der göttlichen Schöpfungsordnung miteinander verbunden sind.
Was für Prostituierte ein moralischer Fortschritt ist, ist es für Eheleute oder für junge Menschen, die später heiraten wollen, eben noch lange nicht. Andererseits: Wenn die päpstliche Lehre in der Öffentlichkeit so stark angegriffen wird, kann dies auch ein Hinweis darauf sein, daß sich bei einigen Menschen das schlechte Gewissen regt. Auch das wäre dann ein moralischer Fortschritt.
Quelle: jungefreiheit.de
Friedrichshafen: Freier verprügelt Prostituierte
Offensichtlich mit den dargebotenen Leistungen nicht zufrieden ist ein Freier am frühen Sonntagmorgen in einem Etablissement in Friedrichshafen. Er gerät darüber mit der beteiligten Dame in Streit.
Nachdem der Mann der Prostituierten gegenüber auch handgreiflich wurde, verwiesen die hinzu gerufenen Türsteher den Freier und seinen Begleiter aus dem Gebäude. Da jedoch die Eingangstüre bereits verschlossen war, trat der Streithahn kurzerhand die Glasscheibe der Tür ein und wollte zusammen mit seinem Bekannten durch die zerbrochene Türe flüchten. Dabei wurden sie von einer zufällig in der Nähe befindlichen Streifenwagenbesatzung des Polizeireviers Friedrichshafen beobachtet und zur Rede gestellt. Im Rahmen der Ermittlungen stellte sich auch heraus, dass die Frau durch die voran gegangene Auseinandersetzung leichte Verletzungen erlitten hatte, weshalb gegen den Aggressor ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.
Quelle: suedkurier.de
“Waldmensch” gesteht Attacke auf Prostituierte in Graz
Der “Waldmensch” Friedrich O. hat am Sonntag gegenüber den steirischen Kriminalisten die Bluttat in Graz vom vergangenen Wochenende zugegeben. “Er hat ein umfassendes Geständnis abgelegt”, so Alois Eberhart vom Landeskriminalamt. Bei der Vernehmung habe er den Ablauf der Attacke mit einem Elektrokabel und einem Stanleymesser auf die Prosituierte so geschildert, wie sie von den Ermittlern erhoben wurden. Was den Mord an einer Bäuerin in Niederösterreich am Freitag betrifft, ist der Verdächtige bislang nicht geständig.

Warum der Freigänger – er hätte wegen Eigentumsdelikte noch ein Jahr in der Justizanstalt Graz-Karlau absitzen müssen – die Prostituierte aus Bulgarien schwer verletzte, konnte oder wollte er nicht erklären, so Eberhart. Nach der Tat vom vergangenen Samstag fuhr er jedenfalls mit dem Zug nach Wiener Neustadt und versteckte sich anschließend in den Wäldern im Wechselgebiet, die er aus seiner Vergangenheit kennt.
Bezüglich Mord an Bäuerin nicht geständig
Am Samstag war der 48-Jährige bis in die Abenstunden zu dem Mord an einer 71-jährigen Landwirtin im niederösterreichischen Kirchberg am Wechsel befragt worden. Ein Geständnis hat der Verdächtige aber nicht abgelegt. Laut Leopold Etz vom Landeskriminalamt NÖ habe der Mann jeden Zusammenhang geleugnet.
“Höhle” unter Holzstoß im Wald Hinweise und Fußspuren hatten die Kriminalisten am Samstag auf die Fährte des gesuchten Verdächtigen geführt. Bei der Überprüfung der Angaben durch Beamte des Landeskriminalamtes und einen Hundeführer habe man den Mann in seinem Versteck fassen können – er hatte sich unter einem Holzstoß einen Unterschlupf hergerichtet und mit einer Plastikplane abgedeckt. Die Festnahme verlief nicht ganz reibungslos, es soll zu einem Gerangel und einem Warnschuss seitens der Polizei gekommen sein, bis sich der Verdächtige nach Informationen der “Krone” schließlich ergab und “Von einem Mord weiß ich nichts” stammelte.
In der Buckligen Welt war am Sonntag erneut die Spurensicherung im Gange. Untersucht wurden das Bauernhaus, in dem die 71-Jährige am Freitag erstochen aufgefunden worden war, sowie mögliche Fluchtwege. Die Tatwaffe habe man bisher nicht gefunden, so Etz.
Im Zuge der Ermittlungen hat die Polizei am Samstag das aktuelle Foto (siehe oben) des Verdächtigen veröffentlicht und ersucht die Bevölkerung um Hinweise. Gesucht werden Personen, die den Mann am Freitag, dem 26. November, gesehen haben. Sie mögen sich unter der Telefonnummer 059133/30-3333 melden.
Quelle: krone.at
Sauna-Club Geschäftsführer verurteilt
Das Obergericht hat einen Schweizer Geschäftsführer eines Dietiker Erotikclubs zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 140 Franken verurteilt. Der Angeklagte hat acht ausländische Prostituierte illegal beschäftigt.
Es war am 19. Mai 2009, als in einem Dietiker Erotikclub an der Moosmattstrasse für einmal mehr Blaulicht als Rotlicht angesagt war. Die Polizei führte eine Razzia durch und stiess auf acht Prostituierte, die an einen UNO-Weltkongress erinnerten. Drei Bulgarinnen, zwei Rumäninnen, eine Nigerianerin, eine Brasilianerin sowie eine Dame aus Venezuela boten ihre Liebesdienste an. Allerdings verfügten sie weder über ein gültiges Visum noch über eine legale Arbeitsbewilligung. Was den heute 50-jährigen Geschäftsführer in Teufels Küche, beziehungsweise vor die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis brachte.
Freispruch in Dietikon
Für die zuständige Staatanwältin war der Fall klar. Sie verurteilte den Kaufmann per Strafbefehl wegen mehrfacher Beschäftigung von Ausländerinnen ohne Bewilligung zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 160 Franken sowie zu einer Busse von 3000 Franken. Der Verteidiger des Geschäftsführers erhob Einsprache und verlangte vor einem Jahr am Bezirksgericht Dietikon einen vollen Freispruch.
Der Anwalt bestritt dabei die Stellung seines Klienten als Arbeitgeber. Dieser habe den Frauen gegen einen Eintritt für 90 Franken lediglich die Räume zur Kontaktaufnahme mit den Kunden zur Verfügung gestellt. Das Dietiker Gericht folgte diesem Argument und kam zu einem Freispruch. Schliesslich habe der Angeschuldigte von den Sex-Arbeiterinnen auch keine Personalien verlangt, schrieb der Dietiker Einzelrichter.
Schuldiger Arbeitgeber
Die Staatsanwaltschaft legte Berufung gegen den Freispruch ein und gelangte damit am Freitag vor das Zürcher Obergericht. Diesmal mit Erfolg. So stuften die Oberrichter den Angeschuldigten sehr wohl als Arbeitgeber ein. So sei die Entscheidung alleine bei ihm gelegen, welche Frauen im fraglichen Saunaclub arbeiten durften oder nicht, sagte der Referent Martin Burger. So habe der Angeklagte gewisse Damen nach einem Gespräch auch abgelehnt und wieder nach Hause geschickt. Für den Mitrichter Daniel Bussmann war entscheidend, dass der Club die Preise für die Frauen festgesetzt habe. Konkret 140 Franken für 30 Minuten Einsatz.
Aufgrund des Schuldspruchs erhielt der Angeklagte eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 140 Franken. Von einer zusätzlichen Busse sahen die Oberrichter ab und hielten dem Beschuldigten zugute, dass er heute die Arbeitsbewilligung der Prostituierten überprüfe. Allerdings wurden dem unterlegenen Geschäftsführer sämtliche Gerichtskosten von insgesamt 4500 Franken auferlegt.
Quelle: 20min.ch
























